MARKUS VS MORITZ: E-Town Concrete – Time 2 Shine

Beim letzten Mal wurde es angekündigt, jetzt ist Markus dran und muss sich mit einem Favoriten von Moritz auseinander setzen. Mit “Time 2 Shine” von E-Town Concrete aus New Jersey, USA gibt es eine volle Ladung Gefühle, Rap, Hardcore, Mosh und Straßenweisheiten.

Markus Vs Moritz - E-Town Concrete - Time 2 Shine

Vorwort

Moritz:
Nachdem Markus mir mit Have Heart‘s “The Things We Carry” eine von der ganzen Szene und insbesondere der “Sxe till 21”-Fraktion totgefeierte Posi-Platte vorgesetzt hat, die im Endeffekt wirklich cool war (aber Genre-Kollegen wie Champion meiner Meinung nach nicht das Wasser reichen kann, da bleib ich bei), schlage ich jetzt mit der vollen Ladung Testosteron-Wiggerdom zurück. Eine Band, die aus Prinzip ganz viele Leute richtig kacke finden, aber vermutlich genau so viele feiern. 1998 kam die Platte raus. Wenn jetzt doch alle wieder die 90er feiern, dann auch bitte das hier. Wer zwischen Bafög-Antrag und dem nächsten Matcha-Grünkohl-Smootie auch gerne heimlich mal was prolliges hört, und auf Biohazard, Fury Of V, Body Count oder Downset mit jazziger Verspieltheit steht, der sollte E.Town auf jeden Fall mal antesten. Die “Time 2 Shine” ist vielleicht nicht die beste Platte und vor allem produktionstechnisch noch sehr roh, hat aber den Grundstein für was ganz Großes gelegt. Pflichtprogramm!

Markus:
Ich kenne die Band natürlich, habe sie aber nur so am Rande wahrgenommen. Ich kenn die Songs, die jeder kennt und irgendwie auch jeder gut findet – aber das war es dann auch schon. Keine nostalgischen Gefühle, keine einsamen Abenden voller Emotionen, Whiskey und “So Many Nights” oder “Punch The Walls”. Reingehört hab ich nur mal in „The Renaissance“. Und nun liegt hier „Time 2 Shine“ und ich weiß: das wird spannend. Ich bin auf jeden Fall interessiert und zuversichtlich.

01. Nothanx

Moritz:
Allein der Titel- bzw. die Schreibweise triefen nur so vor prä-Internetslang-geschwängertem HipHop-Charme direkt aus den NJ Projects. Der Song beginnt relativ ungewöhnlich mit groovigen aus dem Off einfadenden Riffs und einem kurzen Uptempo Interlude. Das Intro hab ich bis heute nicht verstanden. Egal, danach dominieren nämlich direkt jede Menge Groove, harte Riffs, Tempowechsel und Anthony Martinis ziemlich wütendes, latent asoziales Organ. Super-tighte 90s-Rhythmik, jede Menge von diesem Jersey-Sound a la Fury Of Five, Second To None oder NJ Bloodline und beängstigend viel Flow und musikalische Klasse. Geil ey. Auch die Produktion ist dreckig und hart, da passt einfach alles, find ich. Trotz all dem Groove-Mosh-Potenzial ist das eigentliche Highlight des Songs dann aber sogar die zweite Hälfte, bei denen sich ETC auf einmal mit cleanen, verspielten Gitarren, jazziger Bass- und Schlagzeug-Arbeit und mehr als stimmigen Raps von einer ganz anderen Seite zeigen, nur um dann wieder in die Groove-Schiene zurückzufallen. Ein starker Opener, der quasi direkt zeigt, wohin die Reise geht.

Markus:
Ja, das Intro ist in der Tat etwas komisch, aber das soll mich nicht stören. Was mich allerdings direkt stört ist der grauenhafte Snare-Sound. Das ist wirklich allerfeinste Kochtopf-Manier. St. Anger hätte es nicht schlechter machen können. Ansonsten läuft das halt alles ganz cool durch, harte und wirklich gute Vocals, es flowt und grooved so vor sich hin. Wirklich cool, wird es dann wie du sagst ab der zweiten Hälfte des Songs. Mir gefällt grundsätzlich der Rap-Anteil deutlich besser als der Metal/Hardcore-Anteil der Band. Okayer Opener, der so ein wenig das Spektrum der Band aufzeigt, mich aber nicht komplett überzeugt.

Moritz:
Die Snare ist sowas von Hardcore! Ey, der ganze Sound lebt, klappert, scheppert, is’ doch saugeil. Prä-Major- und fancy production-Hardcore ist das.

Markus:
Das hätten Metallica zur St. Anger wohl auch gesagt.

Moritz:
Lass Lars aus dem Spiel!

02. Time 2 Shine

Markus:
Kommen wir zum Titelsong, den wohl auch viele Leute kennen werden. Ein harter, langsamer und Tom-lastiger Start zeigt wieder wohin die Reise geht. Vom Start her hätte mir der Song als Opener der Platte besser getaugt. Gerade hier fällt mir aber auf, dass ich diesen Rap/Flow/Gesang in Kombination mit dem instrumentalen Teil der Platte als eher stressig empfinde. So sauber und smooth der Gesang von der Art und Weise her ist, so stressig und chaotisch wirken dagegen an anderen Stellen die Instrumente. Hier gefällt mir z.B. Boxcutter besser, wo weniger dann doch manchmal mehr ist. Generell zieht der Song etwas unbeeindruckend an mir vorbei und ich vermisse die Gesangsparts, die ich sonst mit E-Town immer verbunden habe und die immer so das kleine Highlight für mich darstellten. Ich hoffe, dass ich davon noch etwas auf der Platte hören werde und diese nicht doch erst mit dem Nachfolge-Album eingeführt worden sind.

Moritz:
Dieses Anfangsriff ist jawohl einfach so primitiv-geil, da krieg ich Gänsehaut. Ich find das ist so richtig, richtig hart! Der Song ist ein absolutes Evergreen, ich find hier gar nichts schlechtes, bockt einfach. „Please excuse my fucked up attitude, but I don’t give a fuck about you.” Ja gut, das ist jetzt keine Poesi, aber ich find das 12 Jahre nachm ersten mal Hören immer noch cool. Ich kann vielleicht ein bisschen nachvollziehen, was du mit „stressig“ meinst, das ganze Soundgerüst ist natürlich weniger kompakt und ein bisschen komplizierter aufgebaut. Aber ich find ehrlich gesagt das macht den Charme aus. Das groovt und flowt doch von vorne bis hinten. Boxcutter ist ja eher so Limp Bizkit für Leute, die Hardcore hören – obwohl ich die auch richtig gut finde. Aber allein Stickmans Raps und das musikalische Niveau kannst du nicht mit E.Town vergleichen. Zum Thema Gesangskram… die Hoffnung stirbt zuletzt, halte durch.

Markus:
Ja, Boxcutter mag simpler sein und der Limp Bizkit-Vergleich macht Sinn – aber du darfst dabei nicht vergessen, dass Limp Bizkit halt geil sind und gerade durch eine gewisse Eingängigkeit zeitlose Hits geschaffen worden sind. Soll heißen: Von “Time 2 Shine” ist bei mir einfach gerade nix hängen geblieben.

03. Hindsight

Moritz:
Ich weiß nicht, wenn “Time 2 Shine” nicht zieht. Puh. Vielleicht der jetzt, vermutlich aber nicht. Ich mein, der geht so strack nach vorne. Die Vocals, der Rhythmus. Der Chorus is auch ziemlich eingängig. Markus, der guckt wirklich gar nicht zurück und wiederholt das auch noch, weil das wirklich ernst ist! Ich find das einfach ziemlich hart, was soll ich da noch mehr sagen.

Markus:
Ja, das klingt halt hart und alt. Das ist halt Hardcore im Flavour von Bands wie Crown Of Thornz und Fury Of V mit einer Prise Flow und Rap – aber ich wollte die doch einfach nur so schön singen hören, wie ich das von den anderen Songs kenne. Ich fürchte, das ist ein sehr seltenes Ereignis und ich finde die Band tatsächlich besser, je “poppiger” und “softer” sie geworden ist. So ist mir das einfach zu sehr im Mittelmaß gefangen. Hoffentlich steinigt mich nun keiner. Wär ich damit aufgewachsen und hätte mir “Never look back” als damaliges Lebensmotto mit Kugelschreiber auf den Arm gehauen, würde ich das hier sicherlich nostalgischer angehen, aber du weißt: für mich war da eher Have Heart der Ansprechpartner. Also ich fürchte “Hindsight” reißt es nicht raus.

Moritz:
Ich habe E.Town ja auch erst mit der “The Renaissance” kennengelernt – die hier war vor meiner Zeit. Aber ich hab die halt danach gehört, und höre sie heute 20 Jahre nach Release und denk mir so: Fakkkk! Mehr Rap-Authentizität als fast jede Crossover-Band und bretthart.

04. 4 The Fame

Markus:
So, nun tut endlich mal was für euren Fame und begeistert mich. Es geht endlich mal entspannter los und klingt für mich nun so, als hätten sie sich endlich überlegt, was sie machen wollen. Bisher mit Abstand der beste Song der Platte für mich, auch wenn ich die Snare immer noch zum Kotzen finde. Leider hält die Ruhe nur etwas über eine Minute an und danach geht es wieder zurück ins alte Muster. Ich hab das Gefühl, dass dieser Song vielleicht mit ein wenig den Grundstein für kommende Platten/Sound gelegt haben könnte, auf jeden Fall fand ich den Anfang geil und den Rest dann halt wieder so, wie den bisherigen Rest.

Moritz:
Du kannst jetzt auch aufgeben. Der wird nicht mehr singen. Auch nicht auf der nächsten Platte – auch wenn die “Second Coming” nen deutlichen Schritt Richtung “The Renaissance” macht. Aber egal – zum Song: Du hast recht, der ruhige Anfang ist wieder ein Highlight. Ohne Frage zeigen ETC, dass das die Stärke der Band ist. Trotzdem macht der Mosh-Kram im Kontext voll Sinn für mich. Gebe dir aber recht, hier stellen die ruhigeren/melodischen Passagen den Rest in den Schatten. Ist auch für mich einer der stärksten Songs der Platte. Übrigens, das komplette letzte Drittel ist genau so ruhig wie der Anfang…. also du musst die Songs schon zu Ende hören, wa?!

Markus:
Ja, ich hab schon gerafft, dass sich da der Anfang wiederholt, aber ich darf der Platte hier gerade auch nicht zu viel gönnen. Wenn die sich weigern zu singen, dann weiger ich mich denen da Props zu geben!

05. Cycles

Moritz:
Wieder kein Gesang, aber noch ein kleiner Hit! Nicht ganz so gechillt, aber trotzdem mit coolen Harmonien. “Misfortune turns to knowledge and knowledge turns to strength. Strength helps to move on and move on is what I did.” Find ich auch ganz schön, stimmt halt. Ansonsten das gewohnte Bild. Die Platte is halt sehr konsistent in ihrem Stil, deswegen wird es in deiner Wahrnehmung auch nicht mehr so viele Ausschläge geben, vermute ich. Mich kickt einfach diese Demo-Level-Produktion in Verbindung damit, dass es extrem tight eingezimmert ist und super authentisch klingt.

Markus:
Das gefällt mir am Anfang auch ziemlich gut! Aber halt leider wieder nur der Anfang. Ich merke, dass wir erst bei Song 5 von 10 sind und befürchte, dass das hier eintönig werden könnte – weil wie du schon sagtest, dass relativ konstant einem Stil treu bleibt. Trotzdem finde ich den Song richtig gut. Der Aufbau in der Mitte des Songs gefällt mir!

Moritz:
Das ist halt auch einfach ne Hardcore-Platte. Da kommt kein Saxophon, keine Panflöte und auch kein Dubstep-Remix mehr. Die mixen doch schon melodische Parts mit Rap, Mosh, Groove, Tempowechseln etc. pp. und du findest das langweilig. Guck auch ma auf den Tacho, aus welchem Jahr das ist.

06. Justwatchastep

Markus:
Mit 4:20 direkt mal den längsten Song der Platte erwischt. Mir geht das einfach nicht rein, dass sich die Platte komplett ausschließlich im Mid-Tempo bewegt. Da ballern die einen richtig wilden Wirbel auf ihrer Blechtrommel raus, nur um dann doch wieder im selben Einheitstempo rumzueiern. Der Song selber ist gerade auch zur Mitte hin vielfältig und spielt viel rum, aber das ist mir einfach da zu träge und zu eintönig.

Moritz:
Groove. Mosh. Hardcore. Bisschen prollig, bisschen 90er Coolness. Und dann dieser Break und der irgendwie an diese Cypress Hill Rock-Sachen erinnernde Rap-Part. Geil.

07. One Life To Live

Moritz:
Noch ein Markus-Song, versprochen. Definitiv einer der stärksten Songs dieser Platte, wie ich finde. Leider etwas kurz. Egal. Spätsommer-Vibes, große Gefühle und die volle Ladung credibilies Wiggerdom, Flow und Melodie. Die Sologitarre passt auch ziemlich gut. Das kann Keiner (Niemand, gar nicht, ne) so gut wie ETC das damals schon konnten.

Markus:
Voll geil, da bin ich bei dir. Gitarre könnte auch straight vom Santana-Album kommen. Gibt so auf jeden Fall sehr amüsante Bilder im Kopf, wie irgendwelche Mexiko-Gangster im Sonnenuntergang Straßen-Wisdom droppen und Santana spielt dabei Gitarre, als ging es um sein Leben. Definitiv zu kurz und definitiv der bisher beste Song der Platte für mich.

08. Hold Up

Markus:
Der Sonnenuntergang ist leider gewichen und wir befinden uns wieder in einer verregneten, dunklen und engen Gasse in einer eher schlechteren Gegend von New Jersey. Santana wurde gefeuert oder mit Beton an den Füßen im Hudson versenkt. Es wird wieder hart, langsam und groovig. Ich sehe das Ganze in einem etwas positiveren Licht, da mich der Song davor echt geflashed hat. Nach dem Intro wird der Song dann doch wieder ruhiger und echt cool. Die Bass-Line und die Melodien gefallen mir sehr und dann wird tatsächlich das Tempo in der Mitte angezogen. Es wirkt natürlich etwas chaotisch, weil in 20 Sekunden fünf mal das Tempo gewechselt wird, aber das passt schon. Ich finde das gut. Bisher der abwechslungsreichste Song der Platte und nach “One Life To Live” ganz oben im Ranking. Ob die Platte mich nun doch noch abholt auf die letzten Songs?

Moritz:
Ich werfe mal in den Raum, dass eine andere Reihenfolge der Songs dir den Zugang erleichtert hätte. So ähnlich ging es mir ja bei der “The Things We Carry” auch. Deswegen lege ich dir auch ans Herz dich ruhig nochmal durch die Diskografie der Band durchzuhören, denn im Kontext wirst du dann sehen, dass die “Time 2 Shine” einfach auf Demo-Level andeutet, was aus der Band noch wird. Schon die “Second Coming” wird dir besser gefallen! Whatever… “Hold Up” ist jedenfalls ne richtige Bombe! Hier find ich halt das Anfangsriff schon übergut. Klar, der typische Groove, aber garniert mit ein paar coolen Gitarren-Harmonien. Dann hart & härter und dann rollen die einfach mal so elegant in diesen smoothen Strophen-Part, Wahnsinn! Der Bass und die Drums zusammen mit den Vocals und diesem jazzigen Geklimper, komm schon, das hat Feeling und klingt schon sehr speziell. Und dann, du sagst es… echt jetzt! Uptempo! “HIGHERRR AND HIGHERRR AND HIGHERRRRRRR!” Etwas hektisch, ja gut, lass ich gelten, aber ich würde das eher als impulsiv bezeichnen.

09. I Got This

Moritz:
Und wieder mehr Feelings. Cooles Bass-Lick, ein bisschen real talk von den Straßen und dann wieder verzerrte Klampfen, aber immer noch in irgendwie schön. Hier fällt dann auch nochmal auf, dass E.Town – auch wenn sich alles im Midtempo abspielt – spielend die Rhythmik und Geschwindigkeit wechseln. Ich finde einfach, dass die Songs dadurch ohne diese Hoch & Runter Achterbahn-Tempowechsel enorm viel Dynamik haben. Für mich passt das alles einfach wunderschön. Und auf die Tube drücken se dann ja auch noch mal. Nicht der beste Song der Platte, aber meckern kann ich da nicht.

Markus:
Ja, geil – Gefühle sind genau das was ich brauche. Song tröpfelt aber für mich zeitweise etwas vor sich hin – also ob der 03:43 hätte lang sein müssen, weiß ich nicht. Du hast schon recht, die können da schon viel hin und her schalten, ich hab trotzdem weiterhin das Gefühl, dass da weniger mehr wäre.

10. End Of The Rainbow

Markus:
Der letzte Song kommt ran. “Wait, wait, wait, wait, wait – I’ve lost my train of thought” find ich schon mal geil und catchy. Sowas passt und knallt dann auch auf die härteren Gitarren. Das ist glaub ich der erste (und einzige) Song der Platte, wo mir die harten Parts wirklich gefallen und zusagen.

Moritz:
Ist ein beliebter Live-Song, weil HART! Relativ typisch für die Platte, aber mit deutlich höheren Ausschlägen in metallische Gefilde. Die Gitarren gefallen mir hier richtig gut. “Damned if I do, damned if I don’t” – ist manchmal so, Markus. Definitiv der härteste Song der Platte, schöner Schlusspunkt, gerade weil einfach nochmal auf große Gefühle verzichtet wird und mit einem Schlag alles rum ist.

Fazit

Moritz:
Was soll ich noch sagen? Auch nach dem x-ten Mal hören: ich bleibe Fan, egal wat du sachst! Ich finde das ist handwerklich und musikalisch erste Sahne, es klingt 100% authentisch und ist ein Stück weit auch einfach innovativ, zumindest diese Art und Weise, wie E.Town die Stil-Elemente kombinieren. Ja ja wigger, RapCore, ThugMetal, dicke Hose lol roflz. Ich werde das immer feiern.

Markus:
Ja, so ganz krasse Lobeshymnen kann ich darauf leider nicht singen. Ich weiß nun, dass ich den neuen Kram auf jeden Fall cooler finde, als den Alten und oute mich damit wahrscheinlich als Volldepp. So sei es. Das Ende der Platte gefiel mir deutlich besser, als der Anfang aber ich befürchte, dass ich auf “Time 2 Shine” eher seltener zurückgreifen werde.

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