MARKUS VS MORITZ: Hatebreed – The Concrete Confessional

Hatebreed melden sich zurück und liefern mit “The Concrete Confessional” ein neues Langeisen. Markus und Moritz checken für euch ab, was die neue Platte taugt.

Markus vs Moritz: Hatebreed - The Concrete Confessional

Vorwort

Markus:
Ein neues Hatebreed-Album, welches nach den bisherigen Stimmen das Beste seit dem Release von “The Rise Of Brutality” sein soll. Das lässt mich besonders aufhorchen, bin ich doch selber riesen Fan vom genannten Album und natürlich auch von dem scheinbar unbezwingbaren Meilenstein “Satisfaction Is The Death Of Desire”. Aber wie klingt “The Concrete Confessional” denn nun eigentlich? Der Titel reiht sich in den bisherigen Hatebreed-Pathos auf jeden Fall ganz gut ein.

Moritz:
Da sind wir uns einig. „Satisfaction Is The Death Of Desire“ ist und bleibt für mich DAS Hardcore-Album für immer und immer. „Perseverance“ und „The Rise Of Brutality“ kriegen mindestens das Prädikat „Classic“. Danach kam nur heiße Luft und spätestens mit so Hüpf-Metal-Adaptionen wie „Destroy Everything“ fand ich es streckenweise tatsächlich schon eher peinlich. Also mal gucken!

01. A.D.

Markus:
Der vorab bereits in Form eines Lyrics-Video veröffentlichte Song startet relativ schnell und thrashig, überrascht dann mit einem kurzen Gitarrensolo und wiederholt sich – Eingängigkeit konnten die Jungs um Jamey Jasta schon immer recht gut. Die Qualität der Produktion ist wie erwartet ziemlich ordentlich, aber so richtig will der Funke noch nicht überspringen. Der Text befasst sich mit dem korrumpierten amerikanischen Traum – joa, kann man wohl machen. Ab der Mitte wechselt der Song in den Moshpart, welcher mit einen Vorspieler startet, der dank der guten Produktion schon ordentlich ballert. Der folgende Two-Step gewinnt durch kleine Gitarren-Arrangements wieder an Eingängigkeit und bleibt positiv im Kopf. Ein okayer Start, der mich aber nicht so krass begeistert, wie scheinbar einige Andere.

Moritz:
Den find ich nämlich z.B. überraschend cool! Der Anfang erinnert mich enorm an Slayer, nur eben etwas glattgebügelter. Virtuoses Solo inklusive. Ist jetzt nicht so spannend, aber passt. Und die Breaks danach! Ey, ernsthaft die sind halt richtig, richtig gut und wenn Band XY aus Wanne Eickel solche Riffs auf ihrer DIY-Demo aus dem Hut zaubern würden, dann würden alle ausrasten und die Band via Facebook bis ins MAD-Roster pushen. Mich hat der Song wirklich positiv überrascht. Ich hab den direkt dreimal gehört und fast dazu getanzt.

02. Looking Down The Barrel Of Today

Moritz:
Da isser dann aber wieder, der Hatebreed 2010 Prototyp. Midtempo-Mosh, relativ simpel und ziemlich auf die Vocals fixiert, paar Gangshouts oben drauf, fertig. Die eingestreuten Metal-Licks auf den Klampfen gefallen mir gut. Insgesamt ist das schon ok. Aber mehr halt auch nicht. Textzeilen wie „Once I set a shotgun to my head, they said I wasn’t worth the bullets. Now the world is my trigger and I’m here to fucking pull it” sind Bilderbuch-Outcast-Poesi aus dem Hause Jasta. Ich hab kein Problem damit, dass der Mann immer noch vom täglichen Struggle berichtet, auch wenn er heute vermutlich eher mit Lars Ulrich am Infinity Pool abhängt. Authentisch… keine Ahnung. Heute sind Hatebreed damit das Sprachrohr für so manch spät-pubertäres Mittelschicht-Kid, das den EMP für den subkulturellen Gitarrenmusik-Atlas hält. Vielleicht ist das halt auch einfach berechnend. Fakt ist aber, das hätte textlich auch auf die “Under The Knife” gepasst und wäre vor 15-20 Jahren auf so manchen Unterarm gestochen worden.

Markus:
Ich kann mich dir da anschließen, ich find den Song schon in Ordnung – aber gerade in Verbindung mit dem dazu veröffentlichten Video krieg ich wirklich ganz unangenehme Gänsehaut. Das ist wirklich einmal die volle Jasta-Pathos-Schiene eiskalt zu Ende gefahren. Fairerweise könnte man Terror mit jedem Song den gleichen Vorwurf machen – aber bei Hatebreed seh ich das irgendwie noch einen Tacken kritischer, weil die ja doch noch bestimmt einen ganzen Haufen mehr Kohle damit scheffeln. Ohne Video aber solide und gefällt mir besser als der Opener.

03. Seven Enemies

Markus:
Der erste Song, den ich bisher noch nicht kannte startet unerwartet hart und gefällt mir bisher am Besten – vielleicht weil er auch nicht durch eine ekeliges Video vorbelastet ist. Alles relativ langsam und von Jastas Stimme dominiert rollt der Song ziemlich gut vorwärts. Auch wenn 01:30 Minuten lang quasi nur ein Riff existiert, was dann zum Moshpart auch einfach nur nochmal verlangsamt wird. Sehr simpel, aber das funktioniert doch ganz gut und ist ein schöner Kontrast zu den Thrash-lastigen Openern.

Moritz:
Sau stumpf! Find ich ganz geil. Kurz, knackig, gute Performance von Jamey. Ist schon ziemlich hart. Hab da gar nix zu meckern, richtig guter Song!

04. In The Walls

Moritz:
Klingt am Anfang interessant, verliert sich dann aber in ziemlich langweiligen Uptempo-Parts, die vielleicht ein bisschen SITDOD-Feeling vermitteln sollen. Dafür klingt es aber zu berechnend und glatt. Die sägenden Parts mit Breakdown-Anstrich passen auch gut rein, aber naja. Is halt nur ok. Brauch ich nicht, packt mich nicht.

Markus:
Ich find da gerade den Anfang sehr seltsam, weil das mega nach Computer klingt. Generell gefällt mir die Bassdrum immer weniger gut und klingt an einigen Stellen echt wie aus der Dose. Ab der Mitte gefällt mir der Song schon besser vom Gesang auf der Strophe her! Auch das Ende gefällt mir ziemlich gut, abgesehen vom Anfang betrachte ich den Song etwas positiver als du.

05. From Grace We’ve Fallen

Markus:
Metallischer Anfang, auch wieder relativ langsam – klingt doch schon eigentlich ganz gut. Die Gitarre flippt förmlich nachdem der Gesang eingestiegen ist aus. Gerade die Strophe groovt ungewöhnlich gut durch für Hatebreed 2016 – und dann wird plötzlich gesungen. Der Gesang ist das Einzige, was mir an dem Song auf Anhieb noch nicht so gut gefällt – aber immerhin wurde hier mal was Neues ausprobiert!

Moritz:
Mit dem Gesang hat Jamey Jasta ja bereits auf den letzten Releases immer mal wieder überrascht. Seh ich aber wie du – mal was neues, das find ich grad bei so einer Band wichtig. Hab den Song jetzt 2x gehört, die Hook ist schon catchy, geht mir gut rein. Dieses Metal-Lick in der Strophe klingt irgendwie verrückt, aber auch hier Pluspunkte dafür, dass es nicht so 08/15 ist. Das ist jetzt nicht unbedingt Hatebreed, wie man sie kennt (oder sich vielleicht wünscht), das hat aber Qualität und klingt nicht so belanglos und nichtssagend. Ich finde jetzt schon, dass die Platte die bisher abwechslungsreichste Hatebreed-Scheibe ist.

Markus:
Man muss fairerweise zum Thema Gesang noch sagen, dass das mein erstes Hatebreed-Album seit der “Supremacy”, von daher hat mich das schon etwas überrascht.

06. Us Against Us

Moritz:
Kleines Highlight für mich! Schnell, punkig und eine klitzekleine Prise SITDOD. Jamey klingt auch etwas angepisster, generell gibt er sich auf der Scheibe Mühe mal ein paar mehr Facetten zu zeigen. Der Breakdown passt auch. Als Song nicht sonderlich spektakulär, aber macht Spaß und fällt schon wieder etwas aus dem stereotypen Stadion-Mosh-Raster. Erinnert mich irgendwie an Terror.

Markus:
“Us Against Us” klingt tatsächlich ziemlich schnell und punkig, mir dadurch aber einen Tacken zu seicht für einen Hatebreed-Song. Ich find den Song objektiv gut, aber mit der Stimme von Jasta und dem Label Hatebreed wirkt er für mich etwas befremdlich. Das Ende hingegen ist wieder typischer und hat wirklich einen kleinen SITDOD-Vibe.

07. Something’s Off

Markus:
Wir erreichen die Halbzeit und gleichzeitig den mit 03:49 Minuten längsten Song der Platte. Irgendwie zieht sich hier das weiter, was ich die letzten Songs schon nicht so gut fand: es klingt mir alles ein wenig zu seicht, fast schon teilweise zu Crossover/Nu-Metal lastig. Mit anderem Gesang wären teilweise die Parts vor den obligatorischen Moshparts am Ende sehr soft und massentauglich. Es geht alles schon gut ins Ohr und ist catchy – aber irgendwie ist das alles zu sehr EMP-Hardcore und nicht das, was ich mir erhofft habe, nach einer Ansage wie “Das härteste Album seit “The Rise Of Brutality”“.

Moritz:
Ganz im Ernst… der Anfang klingt nach Clawfinger. Ich weiß auch nicht, ob das jetzt unbedingt schlecht ist, aber wir reden hier von der ehemals (gefühlt) härtesten Band der Welt, also ist das mindestens merkwürdig. Das ist so Festivalmusik zum rumhüpfen. Zugegeben, gut gemacht. Spätestens bei diesen „Off! Off!“ Gangshouts bin ich aber raus. Die Gesangs-Hook find ich dafür aber wieder richtig cool! Langsam wird die Platte irgendwie zu einem Sammelsurium von Versuchen möglichst viele Unterarten von Hatebreed „Fans“ zufrieden zu stellen. Irgendwie hart, irgendwie catchy, mal langsam, mal schnell, hüpfen, moshen, Faust in die Luft, Mittelfinger raus. Das macht es auf jeden Fall kurzweilig, wirkt aber halt auch etwas bemüht und hier und da dann eher seltsam.

08. Remember When

Moritz:
Langweilig. Next.

Markus:
Ich seh’ schon, dir macht das Schema F nun zu schaffen. Spannend ist das wirklich nicht und der Mosh-Part am Ende in stumpfer Beatdown-Manier wirkt wieder wie eine weitere Zutat in das wilde Gemisch, was Hatebreed hier versuchen zu fabrizieren. Es wirkt einfach lieblos.

Moritz:
Ich finde einfach, dass dieser glatt polierte Sound an sich das schon alles auf das Level Disco-Mosh runterkomprimiert. Das nervt einfach nur.

09. Slaughtered In Their Dreams

Markus:
So langsam hängt mir die Platte zum Hals raus und mir gehen die Wörter aus. Instrumental hätte ich hier einiges eher Richtung Kingdom Of Sorrow gepackt, wo diese Verspieltheit eher seinen Platz gefunden hätte. Wieder kommt ein Gitarrensolo reingefahren, es wirkt einfach alles etwas berechnend wie aus so einem Hardcore-Album-Baukasten. Plastik Hardcore der Marke Jasta. Gesanglich allerdings einer der besseren Songs vom Album, hier macht die Varianz sicherlich Sinn.

Moritz:
Paar coole Licks & Soli, Vocals find ich auch ganz gut. Diese Stilmixerei bei dem gleichzeitig über-sterilem Sound ist aber irgendwie einfach irritierend. Ich mein, die geben sich echt so richtig Mühe hart und metallisch zu klingen, aber trotzdem noch den Soundtrack zur nächsten Festivalsaison zu schreiben. Wenn die da einfach nicht alle Ecken und Kanten wegproduziert hätten, würde das alles schon anders klingen.

10. The Apex Within:

Moritz:
Ey… haben die sich diese Chöre nachher ernsthaft angehört und dann gedacht „Ey, das klingt richtig gut, lass das mal so nehmen!“… DAS find ich richtig schlimm! Ich sehe vor meinem geistigen Auge wie langhaarige Amon Amarth-Kapu-Träger und Nietengürtel-Punks sich am Full Force nach nem Liter Monster Energy/Wodka in den Armen liegen und das mitgröhlen. Das ist ja ganz süß, aber musikalisch einfach nur Quatsch. Der Rest des Songs geht schon klar, der letzte Part ist sogar richtig hart.

Markus:
Nach dem Chor-Gesang abgeschrieben für mich, Rest verschwimmt im Einheitsbrei des Albums.

11. Walking The Knife

Markus:
Fängt vielversprechend an, wird aber nach ein paar Sekunden leider auch wieder zu einem Querschnitt des Albums. Blastbeats sind dann auch noch auf zu finden, kurz bevor wieder absurde Backings den EMP-Faktor nach oben treiben. Was auch immer die sich beim Songwriting gedacht haben: weniger, ist doch manchmal mehr. Auf jeden Fall Anwärter auf den absurdesten Song auf dem Album. Ich mein: Hallo? Blastbeats bei Hatebreed?

Moritz:
Diese Blasts braucht da echt Niemand. Der Refrain hat abgesehen von den langweiligen Gangshouts richtig coole Gitarren zu bieten. Gegen Ende wird’s dann wieder zu Hüpf-Metal-lastig für mich. Eine weitere „geht so“-Nummer. Obwohl das alles irgendwie Hand und Fuß hat, klingt es einfach zu sehr nach einem sehr, sehr bemühten Spagat aus „Nummer sicher“ & Abwechslung.

12. Dissonance

Moritz:
Schon wieder so ein Terror-Riff! Zwischendrin ne Menge stereotyper Hatebreed-Mosh. Nicht schlecht, aber auch nicht sonderlich spektakulär. Mehr fällt mir da nicht ein. Generell ist das einfach nicht hart genug.

Markus:
Der Groove in der Mitte gefällt mir schon ganz gut. Die schnelle Strophe würde mit einem Sound a la “The Rise Of Brutality” auch deutlich besser funktionieren und klingt so nur zu glatt. Ansonsten zähle ich den Song aber wegen des Grooves zu einem der besseren Songs des Albums.

13. Serve Your Masters:

Markus:
Endspurt, ab zum letzten Song. Es wird wieder langsam und gefühlt etwas härter. Gitarren und die Gesangsvarianten gefallen mir hier ziemlich gut, auch der Groove stellt sich erneut ein. Ich glaube, für mich der beste Song der Platte, da ich nichts finde, was mich zu sehr langweilt oder mich peinlich berührt. Harter Moshpart am Ende hätte das für mich abgerundet, aber auf dem Album bekommt man nun wirklich nicht immer das, was man wirklich will.

Moritz:
Der Anfang ist zwar typisch, macht aber auch irgendwie Bock, find ich. Dann dümpelt es etwas dahin. Die Metalklampfen und der Gesang sind wiederum cool. Ist ein guter Abschluss.

Fazit

Markus:
Das wurde dann doch deutlich zäher als am Anfang erwartet. Ich finde das Album auf keinen Fall besser als “okay”, im Verhältnis zur Band vielleicht sogar eher “meh”. Hier wurde zu viel gewollt, der Drahtseilakt zwischen absoluter Mainstream-Hardcore-Pop-Band und Genre-Vorreiter ist gescheitert. Sound, Texte, Songs: All das klingt mittlerweile wie aus der EMP-Hardcore-Hit-Maschine und nicht mehr nach Straßenkämpfen der 90er. Wer direkt nach dem Hördurchlauf die “Satisfaction” oder auch “The Rise Of Brutality” anwirft, wird merken was ich meine. Allein das alte Soundgewand überfährt “The Concrete Confessional” und jagt die Platte zurück in ihr teures Studio.

Moritz:
Also vorab will ich nen kleines Lenzchen für die Jungs brechen. Ohne Hatebreed würden wir jetzt nämlich gar nicht hier rumlabern, sondern vielleicht Five Finger Death Punch hören. Daran kann man die Platte natürlich nicht messen. Ohne Fanboy- / „früher war alles besser“-Brille: Einige gute Songs, ne Hand voll richtig gute Riffs, eine (viel zu!) fette Produktion, jede Menge Hatebreed-Prototyp-Mosh und viel mehr Abwechslung, als alle anderen Scheiben der Band zusammen. Das liest sich allerdings leider besser, als es am Ende ist und eine Band wie Hatebreed muss einfach damit leben, dass sie immer an ihren Meilensteinen gemessen wird. Insgesamt klingt die neue Scheibe trotz der reanimierten Metalanleihen zu bemüht und glatt. Besonders in der zweiten Hälfte geht den Jungs die Luft aus und der Mix aus 0815-Mosh, MetalHardcore und kleinen Experimentchen wirkt einfach dann doch zu belanglos und zerfahren (was sich ja irgendwie ausschließen sollte, seltsamerweise aber nicht tut). Für mich ist „The Concrete Confessional“ dennoch das beste Release seit der The Rise Of Brutality und trotz aller Abstriche ein solides Album. Immerhin hat die Platte einige Ausreißer nach oben und unten, ein bisschen „Aha!“, ne Prise „WTF?!“ und sehr viel „Hm…ok..“ zu bieten. So ganz langweilig ist sie dann doch nicht. Das reicht locker für den Olymp der EMP-Fraktion. Mehr aber auch nicht. Ich bezweifle, dass Hatebreed noch mal die Kurve kriegen und ne Platte machen, die ich so richtig gut finde, aber bei dem Backkatalog verzeihe ich den Jungs das.

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