MARKUS VS MORITZ: Have Heart – The Things We Carry

Have Heart haben sich mit “The Things We Carry” ein Denkmal gesetzt und sind wohl jedem ein Begriff. Markus und Moritz debattieren, ob dieser Status gerechtfertigt ist.

Markus vs Moritz: Have Heart - The Things We Carry

Vorwort

Markus:
Geil, dass das Hatebreed-Ding so schön funktioniert hat und wir die Idee nun was weiterspinnen können. Auf dem digitalen Plattenteller dreht sich heute Have Heart‘s Durchbruchsplatte “The Things We Carry”. Wer mich kennt, und/oder Ausgabe #003 gelesen hat, der weiß, dass ich mega Fan der Band bin. Gerade diese Platte hat in meinem “Hardcoreleben” einen sehr hohen Stellenwert. Ich freue mich drauf, Song für Song durchzugehen und Moritz zu erklären, wie geil die Platte eigentlich ist.

Moritz:

Ich bin gespannt. Die Band ist immer etwas an mir vorbeigegangen. Also nicht so richtig. Ich hab das mal gehört. Dann aber schnell wieder was anderes. Und live gesehen auch. So halb. Das war’s dann auch schon. Dann fand die auf einmal plötzlich jeder gut, da war das für den 20 jährigen Vergangenheits-Moritz schon mal gar nix mehr. Ich hatte da einfach andere Favoriten in dem Sektor. Aber ich gebe ja zu, die müssen ja irgendwie wichtig sein für andere Leute, deswegen lasse ich mich da noch mal drauf ein.

01. Life Is Hard Enough

Markus:
0:56 für einen Opener, der konstant einfach nur auf die Zwölf gibt. Der Anfang überfährt einen kurz, dann wird der Groove angeworfen und Have Heart machen das, was sie am besten können: Einen mitreißen. Es überlappt sich einfach alles: Groove, Gitarrenmelodien, Singalongs und die typisch, eingängigen Lyrics. “Life is hard enough as it is.” – ist nämlich genau so. Mit “Worth Loving” von Life Long Tragedy‘s “Destined For Anything” für mich einer der besten Opener aus dem gesamten Genre.

Moritz:
Ja. Gut. Überfährt mich jetzt nicht soooo. Ist aber ganz cool. Texte hundert Mal gehört, die Akkordfolgen auch. Stört mich nicht, weil es authentisch ist. Sound stimmt, Vocals sind cool. Dieser Melodiekram ist halt so Posi-HC-Blaupause, aber passt. Ist ein schöner Mix aus Dreck und anständiger Produktion. Kann ich mir live gut vorstellen. Aber wäre bei mir zuhause eher so ein random HC-Playlist-Song.

02. Watch Me Sink

Moritz:
Schon mal schleppender. Der Anfang gefällt mir nicht so. Ist mir etwas zu lahm und die Vocals überschlagen sich mir da zu viel. Ab dem Mittelpart nimmt das Tempo auf. Steht der Band besser, finde ich. Solide. Ich wollt grad sagen, dass mir da trotz der ganzen Tempowechsel die Höhen und Tiefen fehlen, der letzte Part mit diesem Bass/Vocals-Vorgeplänkel macht aber Spaß. Auch abgenickt, aber auch irgendwie eher so „kann, muss aber nicht“-Feeling bei mir.

Markus:
Aber genau das doch das, was die Band so geil macht und vor allem das Album und z.B. diesen Song. Dieses spielen mit den einzelnen Elementen, coole Songstrukturen/Aufbauten, die für diese Sparte von Hardcore auf jeden Fall kreativ sind. Du kannst zwar sagen, dass es diverse Youth Crew Bands gab, die den Kram schon vor Jahren gemacht haben, aber Have Heart drücken dem Ding genau mit solchen Spielereien ihren Stempel auf. Das hat alles: langsam, schnell, groovig, Singalongs, Melancholie und eine völlig einzigartige Herangehensweise an die Lyrics.

Moritz:
Genau das, was du da beschreibst von wegen Kreativität etc. pp. ist eben das was ich von einer so hochgelobten Band erwarte. Und das finde ich hier irgendwie nicht so richtig.

03. Armed With A Mind

Markus:
Bei Song No. 3 selbes Spiel: langsamer Songaufbau, der alleine vielleicht sogar unspektakulär wirkt, aber im Gesamtbild Sinn macht. Eine Zutat wird nach der anderen hinzu gepackt und so wird eine mega dichte Atmosphäre geschaffen, die ich bei anderen Bands aus dem Genre vermisse. Trotzdem muss ich zugeben, dass der Song sicherlich ein wenig Tempo hätte gebrauchen können und sehr schleppend wirkt. Aber hier wird halt auch nochmal klar, warum so viele Leute Have Heart wegen ihren Texten feiern (mich eingeschlossen): “you’re a garden of potential, submerged in the rain” – ich wünschte, ich würd son Kram schreiben.

Moritz:
Oh, ich hätte schwören können, die Textzeile ist von Staind. Ist aber trotzdem voll schön. Nu ja, Spaß beiseite. „Armed With A Mind“ fängt cool an. Generell wird der Song von den Vocals getragen. Ich find’ es nicht schlimm, dass hier eben nicht fünfmal das Tempo gewechselt wird. Mal konstant bisschen auf die Bremse treten, find ich gut. Ich schmecke diese vielfältigen Zutaten, die du da erwähnst trotzdem immer noch nicht so richtig raus.

04. About Face

Moritz:
Direkt wieder Vollgas. Das erste Riff kickt mich nicht ganz, diese emotionalen Melancholieschübe schon deutlich mehr. Der Mittelteil bricht das alles ganz gut. Ich mag, dass das echt, nicht gekünstelt und energiegeladen klingt. Absolute Livemusik, jede Menge Punk-Spirit. Ich muss jetzt die Texte etwas ausklammern, weil ich die beim Hören einfach nur am Rande wahrnehme. Die großen Emotionen kommen aber einfach (noch) nicht auf. Ich bin noch nicht wütend geworden, musste noch nicht weinen und ich hab auch noch nicht angefangen, mein Leben zu hinterfragen oder beschlossen, mich ab jetzt von Steinen zu ernähren und als Perlentaucher in Peru sesshaft zu werden. Keine esoterischen Sinneswandel, keine Aufbruchsstimmung. Nur so ein bisschen „Coole Mukke“. Was ok ist! Aber es soll ja mehr sein. Also mach jetzt endlich irgendwas, was mich voll packt, Have Heart! Los!

Markus:
Ach, Moritz! Keine Sorge, die richtigen Dinger kommen erst noch. Ich muss zugeben, dass “About Face” mir am Anfang sogar ein wenig zu sehr vor sich herrumpelt. Weckt in mir auch keine exotischen Gefühle. Wobei ich den “I must find, I’ll strive for“-Chorus auch schon aus voller Lunge mitgeschrieen habe. Ansonsten tatsächlich einer der schwächeren Songs des Albums.

05. The Unbreakable

Markus:
So, dafür nun mit 200km/h Richtung Hit! Wenn’s hier bei dir nicht zündet, kannste gleich deine Koffer packen und beim Spiegel Online eine Rubrik für alternative Musik eröffnen. Das isser nämlich. Der Song der Platte. Ich dürfte den 2006 für mich entdeckt haben und laut last.fm 172 mal gehört. Die Dunkelziffer dürfte deutlich höher liegen. Das Ding hat einfach alles, das Riff treibt nach vorne, die Vocals sind (wie auf der gesamten Platte) unglaublich stark, der Text ist zum vor’m Kamin Rotwein trinken und sinnieren und sowieso verneine ich jegliche Kritik von dir. Ich erinner mich ans Pressure Fest 2007, wo ich Have Heart das erste Mal gesehen habe und den ersten Stagedive meines Lebens getätigt habe, übrigens auch zu “The Unbreakable”. Hier treffen Jugenderinnerungen auf einen musikalischen Meilenstein der Post 2000er. Du bist dran.

Moritz:
Das ist jetzt ja auch schon viel besser! Pressure 2007, ja, da habe ich Have Heart auch gesehen. Beeindruckt hat mich die Energie der Band, weniger die Musik. Der Song hier ist aber wirklich sehr gut! Das steht der Band richtig gut. Hier kann der Gesang auch alles ausspielen. Immer da wo es ein bisschen mehr ans Herz, als ans Nasenbein oder den Bizeps geht, gefällt mir die Band eindeutig besser. Jetzt aber mein Problem bei all dem Lob: Ich weiß nicht, ob man mit der Band einfach irgendetwas bestimmtes verbinden muss, damit man es so bahnbrechend findet. Ich meine, die Platte kam 2006 raus. Drei Jahre vorher kam Comeback Kid‘s „Turn It Around“, zwei Jahre vorher Champion‘s „Promises Kept“ heraus. Nen Jahr vorher die erste Dead Hearts, im selben Jahr deren großartige Full-Length. Das sind für mich Meilensteine, wenn wir über Herz-Hardcore mit Eiern sprechen, das sind für mich richtig wichtige Platten. Ich weiß, dass auch Have Heart länger dabei sind und sage auch nicht, dass Have Heart genau so klingen, wie vorgenannte Bands. Sie sind sicherlich härter und die Texte sind auch ganz sicher noch poetischer, alles ok, kann ich nachvollziehen. Aber das sind alles Nuancen, die nur subjektiv, auf gar keinen Fall objektiv den Unterschied machen. Es schlägt nämlich definitiv in eine ähnliche Kerbe. Another Breath fallen mir ebenfalls noch ein. Verse, Go It Alone und ganz ganz ganz sicher Bane, von denen sich Have Heart mehr als ein Scheibchen abgeschnitten haben.

Markus:
Als bahnbrechend würd ich das gar nicht bezeichnen, aber die machen halt irgendwie alles richtig. Für mich zählen die genannten Release, und gerade Champion, auch zu absoluten Meilensteinen. Das heißt aber nicht, dass die Have Heart LP dadurch abgeschwächt wird – denn sie ist schon anders und eigenständig – auch wenn sie (natürlich) Stilelemente bekannter Youth Crew/Posi-Platten aufgreift. Freut mich, dass du die Songs gut findest. “The Unbreakable” war wie gesagt mein Einstieg in die Band, d.h ich hab zuerst den Song endlos oft gehört, und erst danach den Rest der Platte ausgiebig: vielleicht war da meine Herangehensweise auch direkt eine andere.

(Anmerkung: Die Vorwürfe des sexuellen Missbrauchs von Minderjährigen gegenüber ex-Champion-Sänger Jim Hesketh sind erst publik geworden, nachdem dieses Review geschrieben wurde.)

Moritz:
Ne, klar. Feeling, Momentaufnahme… macht immer viel aus. Ich bezieh mich auch mehr darauf, dass ich diesen Stempel „Ausnahmeband“ oder „Vorreiter“ einfach rein objektiv irgendwie eher bei anderen Bands gesehen habe. Aber was solls, gucken wir mal weiter.

06. Old Man II (Last Words And Lessons Learned)

Moritz:
Wow, das fängt so richtig schön an. Also wirklich. Ich mag so akustische Spielereien. Und danach dieser Break ist auch fett. Ist etwas stumpf, geht für mich aber zehnmal mehr auf die Zwölf, als die ersten Songs. Zack – dann wieder der Wechsel auf diese melancholisch angehauchten Gitarren/Bass-Spielereien. Geht doch, ey! Hier ist der Mix einfach stark. Nicht, dass das jetzt unglaublich experimentell ist, aber das bricht schon die typischen Hardcore-Konventionen ohne den Charme zu verlieren. Nicht so flott und nach vorne gehend, aber viel kreativer. Das ist dann halt doch schon Post-Posi-irgendwas mit Mosh und ein bisschen Schmutz.

Markus:
Zu “Old Man II” hast du eigentlich alles gesagt, außer dass ich gerade den super geilen Schlusspart mit den Singalongs ultra abfeier. Auch absolut ausgelutschtes Stilmittel, aber das zündet hier einfach.

07. Song Of Shame

Markus:
Für mich einer der stärksten Songs auf dem Album, das Ding knallt direkt nach vorne, ohne zu holpern und ist auch textlich super. Die Vocals reissen hier sowieso alles raus und generell hat Pat Flynn auf der Platte und auf “Songs To Scream At The Sun” sich selber ein Denkmal gesetzt. Für mich wohl eine der besten Stimmen aus dem Bereich.

Moritz:
Der gefällt mir von Anfang an ziemlich gut. Auch diese Melodieeinschübe sind cool. Und ich steh ja auf so Bass-Vorspieler und so Drums/Vocals Mosh-Parts. Hab hier gar nix zu meckern.

08. To Us Fools

Moritz:
Schnell. Vor allem schnell vorbei. Irgendwie unnötig, aber stört auch nicht.

Markus:
Fungiert für mich als Intro für “Something More Than Ink” und gerade das “Motherfuuuuuckers” + ausklingen + Songanfang baut bei mir gut Spannung auf.

09. Something More Than Ink

Moritz:
Des isser! Das ist mein Have Heart Mixtape Song! Den fand ich immer schon gut. Treibend, rotzig, eingängig und mit einem Hauch von Gefühl. Der abschließende Tanzpart rundet das ab. Ist ein kleiner Hit der Scheibe, find ich.

Markus:
Da hast du vollkommen recht, sicherlich eine Art “Hymne” der Band und wohl der bekannteste Song, da auch schon auf der “What Counts” EP. Die könnte dir übrigens gut gefallen, da die noch eine ganze Ecke schmutziger klingt.

10. The Machinist

Markus:
Wir nähern uns dem Ende. Der Anfang ist wieder typisch für Have Heart: minimalistisch und eher auf die Stimme ausgelegt. Erinnert mich vom Aufbau ein wenig an “Watch Me Sink” und schlägt eher in die langsamere Sparte. Aber der Song hat Power – so wie jeder Have Heart-Song, der so massiv durch die Vocals getragen wird. Der Mittelteil dreht das Tempo auf. Es folgt einer der härtesten Parts der Platte inklusive Vorspieler und Mosh. Am Ende wieder flotter Beat und Singalongs. Man könnte fast sagen, dass der Song alle Elemente von Have Heart auf der Platte zusammen in einen Song packt – ein Best Of quasi. Funktioniert für mich.

Moritz:
Ich steh auf diesen Shuffle-Drum-Anfang. Nur so ein paar offene Akkorde und Vocals dazu. Das baut Spannung auf. Ich find der ballert richtig. Diese Gang-Shouts / Vocals Überschneidungen wirken etwas konfus, hat aber auch was. Der schnelle Part hat wieder den richtigen Anteil an Gefühlsduselei. Der Moshpart sägt 100x geiler, als bei den anderen Songs, find ich. Is für mich ein ganz klares Highlight.

11. Watch Me Rise

Moritz:
Ja, was soll ich sagen, nach „okayem“ bis „coolem“ Anfang überzeugt die Platte mich auf den letzten Metern. Mehr Melodie, find ich schön. Dieser Bassvorspieler ist etwas lahm bzw. lang geraten, dann aber wieder cool, schönes Finale ohne Moshanbiederung. Passt wunderbar ins Bild.

Markus:
Ja, da kann ich auch nicht mehr viel zu sagen, es freut mich, dass die Platte dich am Ende noch erreicht hat. Gerade “Watch Me Rise” hat mir in meiner spätpubertären Phase schon gut aus einigen Löchern geholfen. Ich find der Song treibt gerade zu Beginn enorm voran und vermittelt einem fast greifbar diese “Gib nicht auf”-Einstellung. Fand ich damals wie heute cool und hilfreich. Gerade beim Ende vom Song hab ich immer das Video der letzten Have Heart Show vor Augen, wo hunderte Körper übereinander fallen und mitsingen – Gänsehaut garantiert.

Fazit

Markus:
Was soll ich groß sagen? Ich bin seit 10 Jahren Fan der Band und vor allem des Albums. Ich weiß noch, wie ich damals richtig irre vorfreudig auf den Nachfolger “Songs To Scream At The Sun” war und dann absolut enttäuscht den ersten Durchgang getätigt habe. Die Platte  hat nicht mehr all zu viel gemeinsam mit den ersten Werken der Band und orientiert sich vom Feeling her mehr an Modern Life Is War oder der “Runaways” von Life Long Tragedy. Mitte 2014 oder so hab ich aber dann auch erkannt, wie stark die Platte ist und kann über die komplette Have Heart Diskographie sagen: geil. Die Platte würde dir wahrscheinlich noch deutlich besser gefallen, da dort noch mehr Melancholie und Herzschmerz drin steckt.

Moritz:
Also, eine starke Platte ist „The Things We Carry“ in jedem Fall. Richtig gezündet haben die Songs bei mir erst ab „The Unbreakable“. Generell ist die zweite Hälfte meiner Meinung nach viel (!!!) spannender. Ich werde nicht mehr in den Genuss kommen Have Heart als für mich prägend, oder als Ausnahmeband zu betiteln. Das ist ok. Das machst du ja auch schon. Der Hypetrain ist damals an mir vorbeigerauscht, weil ich lieber zu Until The End oder Hatebreed gemosht, und mir für’s Herz dann halt eher noch deutlich weniger moshbaren Kram wie Comeback Kid oder Dead Hearts reingezogen habe. Den Grenzgang kriegen Have Heart aber ziemlich gut hin. Feeling hat die Platte definitiv, auch wenn für mich ein paar Genre-Verwandte eben noch ne Nasenlänge voraus sind. Kann man so machen. Die Anklage für den Stempel „Overhyped/Overrated“ wird also kurz vor knapp zurückgezogen. Ich hoffe du bist zufrieden und freust dich auf die nächste Runde.

Markus:
Ich bin gespannt, was du mir für den nächsten Artikel zum Fraß vorwirfst, und ob ich am Ende auch überzeugt sein werde.

Moritz:
Du wirst leiden und total doof dastehen, weil alle mit dem Finger auf dich zeigen und hinter deinem Rücken tuscheln, dass du keine Ahnung hast!

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