Mission Ready Festival 2017 in Würzburg – Review

Das Mission Ready Festival 2017. Das sollte es sein. Meine Feuertaufe – so als richtiger, fast ernstzunehmender Journalist mit Presseausweis. Nach vielen undankbaren, vom neo-liberal & kapitalistisch agierenden Between The Lines-Oligarchen Markus K. (oder sagen wir aus Datenschutzgründen lieber M. Kasten) schlecht bezahlten Reviews und Interviews meine große Chance auf den Spuren des Axel Springer Verlags zu wandeln, die Missstände der Punk- und Hardcore-Szene aufzudecken und Networking zu betreiben. Möglich machten dies die netten Jungs & Mädels vom Mission Ready Festival, die selbst Inklusionsjournalisten wie uns, die Chance geben wollten ein bisschen von einem richtigen Festival zu berichten. Ob es dafür eine staatliche Förderung gab, ist uns nicht bekannt, dankbar dafür sind wir allemal.

Mission Ready Festival
Mission Ready Festival

Schon einen Tag früher reiste ich nach Würzburg, um mich von den klimatechnischen Vorzügen der Region und der soliden Auswahl an Schankbetrieben zu überzeugen. Zusammen mit meinem persönlichen Assistenten Christoph erkundete ich die Stadt und wir hangelten uns von Bierchen und Pizza Gondoliere bis zum Gute Nacht-Riesling. Ein gelungener Auftakt.

Nach einem liebevoll zubereiteten Frühstück traten wir dann unseren Weg zum Festival an. Nachdem wir das Auto parkten und unsere Pressetickets abgeholt hatten, gab es zur Beruhigung das erste Festivalbier zum legitimen Preis. Das Festivalgelände war groß, aber doch überschaubar. Neben einigen Futterständen und einer anständigen Getränkeauswahl gab es die obligatorischen Merch-Stände und sogar einen mobilen Barber-Shop. Letzterer musste in unserer Gegenwart dann auch prompt seinen Gewerbeschein vorlegen, als die Würzburger Polizei anklopfte. Nicht auszudenken, was so ein halblegaler Haarschnitt anrichten könnte. Ordnung wird in Bayern nun mal großgeschrieben, die nationale Sicherheit war wieder hergestellt. Danke, Herr Polizei.

Ziemlich flott und äußerst pünktlich ging es dann mit Cock Riot auf der Punk-Rock-Stage los. Der Sound war schon mal absolut ok und die mir bis dato unbekannten Jungs zockten ziemlich geradlinigen Street-Punk mit deutlicher Oi!-Kerbe. Solide!

In quasi nahtlosem Anschluss spazierten wir 50 Meter weiter nach rechts zur Hardcore-Stage. Hier zeigte sich jetzt schon, dass der Zeitplan zwar straff, die Logistik aber eben auch durchaus besucherfreundlich war. Mit Trust In Random eröffnete ein Contest-Gewinner die zweite Bühne. Ein für mich ziemlich abstruser Mix aus 4-stimmigen Gang-Shouts und 2004er Screamo-Metalcore-Gejaule a la Bullet For My Valentine und Atreyu wurde vorgetragen. Neben Sea Shepherd-Applaus und Ansagen für (oder gegen?) Leute, die etwas gegen (oder für?) „die ganze Scheiße“ tun (was auch immer das genau bedeutet) gab es noch eine Post-HC-Version von „Built To Last“ und sogar das „Smells Like Teen Spirit“ der Punk-Szene aka „Bro Hymn“ wurde angestimmt. Irgendwie fühlte ich mich auf sonderbare Art und Weise irritiert, aber auch unterhalten. Trotzdem war das halt eher Musik für den örtlichen Jugendtreff, ohne den Jungs zu nahe treten zu wollen. Spaß hatten sie jedenfalls sichtlich und der sei ihnen gegönnt.

Nach diesem Sammelsurium aus Gefühlen betraten Sam Alone And The Gravediggers die Bühne und sorgten für die erste große Überraschung. Das war „Rock’n’Roll played by Hardcore-Kids“ oder auch irgendwie The Gaslight Anthem im Tough Guy-Gewand. Absolut cool gemacht und beide Daumen hoch für das Projekt von Devil In Me-Frontmann Poli Correia.

Im Anschluss zelebrierten Wolf Down jede Menge autonomes Fahnengeschwenke, AFD-Plakate-Zerreißen und militante Selbstinszenierung. Dass es eine der letzten Shows sein sollte, war zu diesem Zeitpunkt nicht abzusehen. Zu dem Thema wurde mittlerweile alles gesagt. Musik hin oder her, ich werde diese Band nicht vermissen.

Nach all dem Parolen-Mosh schickte man im Eiltempo Rantanplan mit ihrem spaßigen Ska-Punk hinterher, die einen gelungenen Gegenpol zur militant-aufgeladenen Grundstimmung bildeten, mich persönlich aber nicht sonderlich kickten, weil mir die großen Hooks fehlten. Christoph fand dat aber richtig gut, glaub ich, und auch der Bier-Counter schnellte langsam aber sicher in die Höhe.

Wisdom in Chains
Wisdom in Chains

Mit Wisdom In Chains betrat danach endlich mein erstes Festival-Highlight die Bühne. Neben neueren Hits wie „Songs To My Killer“ gab es einen Haufen populäre Gassenhauer wie „We’re Not Helping“ oder „Cap City“, die ordentlich Dampf hatten. Für mich bleiben WIC einfach eine absolute Ausnahmetruppe und ich ziehe meinen Hut vor dem doch sehr eigenständigen Spagat aus Street-Punk, Hardcore und Oi, den die Männer zelebrieren. Zusätzlich konnte man langsam aber sicher eine witzige Eigendynamik auf der Hardcorestage beobachten. Am Bühnenrand tauchten vermehrt Mitglieder aus anderen Bands zum Mitfeiern oder Handtuch schwenken auf, um die eigenen Jungs zu supporten. Hardcore und so.

The Baboon Show kannte ich bisher nur vom eher mittelmäßigen Gastspiel bei den Antilopen. Live war der rotzig-sympathische nach Garage klingende Punk-Rock-Mix aber der Kracher. Die Band hatte sichtlich Spaß und insbesondere Frontfrau Cecilia hat Charisma und Power für mindestens vier Bands und genoss zwischendrin auch mal ein Bad in der Menge inkl. Bierchen aufs Haus. Richtig gut!

Bei Deez Nuts haben zwei Minuten gereicht, um mich zu vergewissern, dass ich das auch einfach mal auslassen kann, weil diese Band so interessant wie ein Schluck schales Wasser ist. Stattdessen ging’s auf ein gar nicht so schales Wässerchen ins Pressezelt und danach zum Futterstand, um die Vegan Bros abzuchecken. Auch hierfür eine glatte Eins mit Sternchen. Saulecker, und flott war‘s auch. Weniger lecker waren die gefluteten Pissoirs. Das hat die Veranstalter Crew dann aber nach einigen unangenehmen Toilettengängen in den Griff bekommen.

The Baboon Show
The Baboon Show

Frisch gestärkt gab es mit Massendefekt, den nächsten für mich eher unspannenden Act auf der Punk Rock Bühne. Der Stilmix war für mich etwas zahm. Die stilistische Nähe zu Planlos, von denen auch „Totgesagte leben länger“ gecovert wurden, ist nicht von der Hand zu weisen. Insgesamt hat mir da aber der Rotzfaktor gefehlt und die Songs plätscherten ein wenig dahin.

Mit Terror betrat dann der erste gefühlte Headliner die Hardcore Stage. Von den Seiten wurde hier weiter kräftig von Mad Joe und Co. applaudiert und mitgefeiert. Ansonsten macht die Band einfach nie was falsch. Stagedives, semi-harte Pits und Singalongs, das ist halt Hardcore für die mittelgroße Bühne und dafür auch wirklich gut, auch wenn der Funke bei mir schon seit der „Always The Hard Way“ nicht mehr ganz überspringt.

Zu Sondaschule fing der Nieselregen an mich und meinen superdünnen Qualitätswindbreaker zu nerven – auch weil die witzelnden Ska-Klänge mit ein bisschen Ärzte-Punk eher nach Sonne klangen. Hängen geblieben ist bei mir nur ein weiteres Stück Pizza im Magen und der Hut des Frontmanns. Sympathisch, aber halt nicht ganz mein Wetter.

Terror
Terror

Eher meins waren dann die NYHC-Helden von Madball, die mir auch beim 10ten Mal wieder gefallen haben. Freddy ist ne Rampensau, die Rhythmusfraktion tight und die ewig gleiche Setlist hat genug Hits um 45 Minuten locker zu überstehen. Der Bühnenrand war mittlerweile Schauplatz für wilde Handtuchfuchteleien aus den Agnostic Front, WIC und Terror-Tourcrews, was die Stimmung nochmal antrieb. Wie immer ne klasse Show ohne Überraschungsmomente, aber dafür mit viel Hardcore-Pride. Wie authentisch das noch ist, weiß ich nicht, aber ich werde den Frederik sicher nicht zur Rede stellen, ob das jetzt noch Hardcore 4 Life oder eher Hardcore 4 a living ist. Selbiges gilt dann auch für die zwei Slots später positionierten Agnostic Front, bei denen der Soundmann merklich Schwierigkeiten hatte die sehr eigenwillige Stimme von Roger Miret abzumischen oder die Gitarren anzuknipsen. Der Sound war hier erstmalig sehr bescheiden. Den Leuten hat’s trotzdem gefallen und insbesondere ein (Ex)-Bandmitglied von den Disasters hatte ordentlich Spaß am Bühnenrand (und natürlich das Handtuch nicht vergessen!!!).

Richtig Spaß hatten in der Zwischenzeit auch alle Gäste beim Auftritt von Me First And The Gimme Gimmes. Zugegeben, ne Cover-Band als Co-Headliner mit einstündigem Set grenzt etwas an Größenwahn. Ex-Swingin‘ Utters-Basser Spike Slawson hatte das Publikum aber jederzeit im Griff und sorgte für dezente humoristische Einlagen, als er z.B. die Abwesenheit von Fat Mike mit den Worten „He is very sorry, but he is busy…. TAKING A BATH IN YOUR MONEY.“ kommentierte.

Madball
Madball

Zum Grande Finale nach einem echten Musikmarathon ohne nennenswerte Pausen für meine Ohren betraten dann Flogging Molly die Bühne. Fast anderthalb Stunden erlebte ich inmitten von tausenden auf Irish Folk-Punk ausrastenden Tanzbären meine persönliche Passion Moritz. Gefühlt wurde wieder und wieder auf immer abstruseren Fideln und Folklore-Instrumenten dasselbe irische Sauflied angestimmt und mit Flöten, sowie E-Klampfen untermalt. Das war technisch allererste Sahne, keine Frage. Auch die Stimmung war auf dem absoluten Höhepunkt, während sich bei mir eine schleichende Psychose breitmachte. Kurz hatte ich Angst den wild umhertanzenden Christoph in der Menge zu verlieren, aber der war vermutlich mit dem ein oder anderen Bier Vorsprung einfach nur in seiner eigenen Welt zwischen Trollen, Whiskey und Kneipenschlägereien unterwegs. Sicherlich ein würdiger Headliner und ne tadellose Live-Show. Diese Musikrichtung wird sich mir aber niemals-nie erschließen.

Ziemlich knitterkaputt machten wir uns dann Richtung Heimat, ohne bewerten zu können, was die Afterparty oder der Zeltplatz noch für Abenteuer parat hielten. Insgesamt hatten wir einen wirklich guten Tag. Auch wenn das musikalische Rahmenprogramm nicht durchweg meinen Nerv getroffen hat und hier und da in die Sparte „Schon zig Mal gesehen“ passt, war die Qualität bemerkenswert hoch. Christoph gibt auch beide Daumen nach oben. Das Gelände war gut, der Sound vollkommen ok, der Ablauf und die gesamte Orga abgesehen von den überlaufenden Pissoirdingern wirklich klasse.

Fürs nächste Jahr würde ich mir ein paar weniger Bands wünschen – oder aber noch besser ein Zwei-Tages-Festival mit mehr kleinen Bands, Verschnaufpausen zwischen den Sets und etwas mehr „value for money“. Für einen Tag war das Programm dann doch sehr straff und mir persönlich ging gegen Ende die Puste aus. Der Eintrittspreis war natürlich nicht ohne – gemessen an all den Unkosten für Technik & Co. aber sicher auch nötig. Vielleicht wäre es daher auch im Veranstaltersinne gar nicht so doof, es auf zwei Tage auszuweiten, um das Spektakel für alle Beteiligten etwas wirtschaftlicher zu gestalten – das ist jetzt aber mehr so eine Idee ins Blaue. Für die erste Ausgabe fand ich das jedenfalls wirklich gelungen. Da mich diesmal außerdem noch kein renommiertes Musik- oder Lifestyle-Magazin abgeworben hat und ich weiter für das Kasten-Imperium schuften muss, komme ich gerne nächstes Jahr im guerilla-journalistischen Auftrag wieder, wenn ich darf!

PS: Props für die kostenlos zu Verfügung gestellten Fotos gehen raus an Lad & Misfit Photography!

http://www.missionready-festival.de

https://www.facebook.com/ladandmisfitphotography

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