Was in keiner Plattensammlung fehlen darf! #005

Merauder – Master Killer

Merauders Master Killer: Für mich eine der essentiellsten Hardcorereleases ever.
In den folgenden Zeilen erkläre ich euch warum.

Vorab die Zusammenfassung: Die fünf Typen aus Brooklyn verlängerten den metallischen, leicht mystisch angehauchten Vibe, den die Cro-Mags in den 80’s in den Hardcore brachten und hoben das ganze Genre NYHC bzw. Crossover auf ein neues Niveau.

Warum für mich so wichtig?

Als Master Killer in die Läden kam war ich 15 Jahre  und hatte über mehrere Umwege schon Hardcore für mich entdeckt. Meine Schwester hörte alles zwischen Metal und Punk und beschallte meine Kindheit seit den frühen Achtzigern mit Sodom, Accept, Megadeth, aber auch den Ramones, Alíce Cooper und Kiss. Metal war also die offensichtliche Richtung und mit elf Jahren bekam ich dann auch meine erste Metalgitarre, eine Samick Warlock. Und schließlich nach einigen Jahren Tapes kopieren, Kataloge und Fanzines tauschen, Sampler durchhören und CDs leihen kam ich dann über andere Kids auf Merauder’s Master Killer. Nachdem ich mir von dem damaligen Schlagzeuger meiner ersten Band diese CD auf Kassette kopiert hatte, verschlang ich dieses Tape über die kommenden Wochen, bis ich mich entschloss mein monatliches Taschengeld von 20 DM in die CD zu investieren –eine wohl überlegte Investition.

Metal Hammer, Rock Hard, Hard’n’Heavy und Headbangers Ball wurden genauso verschlungen und ich erfuhr, dass im September Merauder Vorband der Böhsen Onkelz sein würde und überredete mit allen mir zu Verfügung stehenden Mitteln (Sandras Zimmer aufräumen, Taschengeld abdrücken, usw.) meine Schwester, dass sie mit mir auf dieses Konzert gehen muss. Gesagt. Getan. Die Tickets wünschte ich mir zum Geburtstag. Die Kontroverse um die Onkelz war mir damals nur am Rande bewusst und selbst das war mir allerdings egal,  schließlich waren ja Merauder in der Stadt.
Die Show, ein Exzess:  Jorge sang die ersten beiden Songs mit einer japanischen Dämonenmaske, trat ins geschockte Publikum, wann immer ihm jemand nicht passte. Dasselbe galt für SOB, der Feet-First ins das Publikum sprang. Man konnte meinen die beiden seien voll auf Ephedrin, Amphetamin und Koks. Es wurde hart gemosht, es gab blutige Nase, gebrochene Finger, Stiefel ins Gesicht und viele viele Stagedives – daran kann ich mich erinnern. Nach der Show lungerte ich draußen rum und traf dann Merauder an der Theke im Foyer. Ich freundete mich etwas mit Rick Lopez an, welchen ich dann zuletzt auf der Bloodclot Tour knapp 15 Jahre später wieder getroffen habe.  Bei einigen Bieren haben wir über Hardcore, Merauder und die damalige Tour gesprochen. Jedenfalls hat mir das damals als 15 Jähriger sehr imponiert, dass diese toughe Band mit mir Provinzkid ein Bier trinkt, keine Starallüren – nicht mal nach einem Gig vor fast 3-4.000 Leuten.

Inzwischen sind fast 20 Jahre vergangen und ich ertappe mich stets dabei, wie ich diese Scheibe in meinen Sport- und Arbeits-Playlists unterbringe. Und ich glaube es geht vielen so, denn relevant war Merauder offenbar für eine ganze Generation von Bands. Indizien dafür sind unzählige Coverversionen auf Platten und in Livesets von Hatebreed, Twitching Tongues, God Forbid, Final Prayer, End of Days, usw…

Über das Release

Die wichtigsten musikalischen Einflüsse des Merauder Debüts im zeitlichen Kontext reichen von Florida Death Metal, Thrash Metal bis hin zu NYHC. Genauer gesagt klingt die Platte nach einer guten Mischung aus Obituary, Demolition Hammer, Carnivore, Cro-Mags, Slayer und Kreator. Es mag unmöglich klingen, aber es gibt kein schlechtes Lied auf dieser Scheibe. Ein knochenzermalmendes Stück musikalischer Pessimismus in Moll mit Doublebass-Teppich nacheinander. Erbarmungslose Verdammung betet der urbane Endzeitprophet Jorge, während 16tel Riffgewitter im Mid-Tempo sich mit grotesken Gitarrensolos und cleanen Atmo-Gitarren das Terrain teilen.

Die CD (Century Media) kam damals in zwei Covervarianten in die Läden. Die erste amateurhafte Version, gestaltet von einem Typen bei CM, mit Bandfoto im Look&Feel einer schlechten Groove Metal / Rap-Core Band. Etwas später erschien dann das allseits bekannte Samurai-Cover unter anderem bei EMP und Nuclear Blast z.B. auch als dreieckige CD Sammlerbox. Zusätzlich gab es ein riesiges Sortiment an Merchandise: Zig Shirt Designs, Flyer, Autoaufkleber, Poster, Aufkleberbücher bis hin zu Exoten wie gestickten Hoodies (!!!) und Dickies Workwear Shorts.

Inzwischen gibt es Re-Releases von Century Media und Reaper Records auf CD und Vinyl. Bei beiden Releases handelt es sich um Anthologies mit „Master Killer“ und „5 Deadly Venoms“ Songs, wobei bei Reaper auch noch zusätzlich das dritte Album „Bluetality“ als Dreingabe erschien.

Trivia am Rande: Die Backups auf Master Killer wurden von niemand geringerem wie Bob Riley & Jay Sunkies  (beide Stigmata) und Parris Mayhew (Cro-Mags) eingesungen. Produziert hat die Scheibe Drew Stone (Antidote) und Parris Mayhew  im ehrwürdigen Normandy Studio NY, wo auch Leeway, Sick Of It All, Warzone, Crumbsuckers, usw. aufgenommen haben.

Andy Helmholz

Für weitere Informationen checkt:

http://facebook.com/merauderny