Bravestar – Interview

Nachdem ich vor kurzen das neue Album von Bravestar gehört habe und mir aufgefallen ist, dass wir trotz längjähriger Freundschaft noch nie über die Band berichtet haben, bekommt ihr hier nun das schön längst überflüssige Interview mit Frontmann Dennis.

Bravestar
Bravestar

Hey Dennis, freut mich, dass du die Zeit hast uns ein paar Fragen zu beantworten. Nehmen wir mal an, Bravestar könnte eine Metalband aus der Geschichte tilgen. Welche wäre das und wieso?

Ich glaube Tankard, weil sie in über 35 Jahren einfach schon jedes Thema rund ums Bier bearbeitet und vertont haben und für die anderen Bands einfach nichts übrig gelassen haben. Doch ganz egal „die with a beer in your hand“!

Ok, kommen wir nun zu ernsthaften Fragen. Ich hatte das Gefühl in den letzten Jahren war es bisschen ruhiger um euch. Mit dem neuen Album “Decisions” wurde ich eines besseren belehrt. Wie würdest du die letzten zwei/drei Jahre für Bravestar beschreiben und wie lief die Produktion für die Platte?

Ja, da hast du recht. In den letzten Jahren ist bei uns privat aber auch viel passiert. Weiterbildungen, Jobs, Hochzeiten, Nachwuchs um mal ein paar Begriffe in den Raum zu werfen. Bravestar ist uns allen sehr wichtig, aber spielt eben nicht immer die erste Geige in unseren Leben. Wir versuchen uns jedoch – soweit möglich – mindestens einmal in der Woche im Proberaum zu treffen, auch wenn es nur zum Bier trinken ist.

Seit der “Surrounded By Vultures sind über vier Jahre vergangen. Was für den ein oder anderen echt lange klingt, kam uns gar nicht so lange vor. Bei “Decisions” haben wir erstmals alles was möglich war selbst in die Hand genommen. Wir haben über die Jahre immer wieder in Studioequipment investiert und unser Gitarrist Aubi hat sich in das Thema sehr gut eingearbeitet, Workshops besucht und ein kleines, feines Studio bei sich zu Hause eingerichtet. Wir haben uns mit der Produktion dieses Mal daher auch Zeit gelassen. Wir wollten am Ende des Tages eine Platte, mit der jeder von uns komplett zufrieden ist.

Das haben wir glücklicherweise auch geschafft. Auch alles drum herum wie z. B. das Layout, die Fotografie und die Videos haben wir selbst oder in Zusammenarbeit mit engen Freunden umgesetzt. Natürlich waren wir sehr glücklich, dass wir Markus von One Life One Crew auch für unsere neue Scheibe begeistern konnten. Im März 2017 ist “Decisions” dann letztendlich auf seinem Label rausgekommen.

Ihr ward ja schon immer eine Band, die Hardcore neben ernsten, gesellschaftskritischen Themen auch mit Spaß verknüpft hat. So auch zu sehen in euren neuen Video zu Shark Attack. Gehört eine Portion Humor in der sich oft zu ernst nehmenden Szene für euch grundsätzlich dazu?

Natürlich! Würde das Ganze keinen Spaß machen bzw. würde der Humor zu kurz kommen, dann würde es keine Band so lange machen. Das ist kein Geheimnis und das darf daher auch jeder wissen. Die „sich oft zu ernst nehmende Szene“ sollte sich in dieser Hinsicht mal den Stock aus dem Arsch ziehen. Ja, wir haben ernsthafte, gesellschaftskritische und auch spaßige Themen. Je nach persönlicher Stimmung und Einfluss entwickelt sich der Text eben in eine bestimmte Richtung und das ist auch gut so.

Soll ich was angepisstes schreiben, wenn ich gut drauf bin? Soll ich was lustiges schreiben, wenn Dinge die um mich herum passieren alles andere als zum Lachen sind? Soll ich nach rechts laufen, wenn ich links gehen will? Sicher nicht! Ich stehe zu jeder geschriebenen Zeile, auch wenn sie noch so dumm ist und ich weiß noch genau warum ich was geschrieben habe und wie damals mein Zustand war.

Als ich “Shark Attack” zum ersten Mal gehört habe, musste ich bei dem Basslauf am Anfang direkt an angreifende Haie denken. Da ich B-Movies mit Haien ziemlich amüsant finde, war das Thema für den Song klar. Das Video denke ich spricht für sich selbst. Wir haben ja ein paar Miesepeter, denen es am liebsten wäre wenn man nie mehr lachen würde, aber scheiß auf die. Ich habe mir persönlich vorgenommen, mich bei solchen Sachen von niemanden mehr leiten zu lassen. Ich versuche einfach jeden Tag aufs Neue ein guter Mensch zu sein. Ich will am Ende des Tages noch in den Spiegel schauen können.

Wie sind die Reaktionen zur neuen Scheibe ausgefallen? Gab es Kritik zu “Meine Welt ist bunt” oder haben die Message alle verstanden?

Zur neuen Scheibe haben wir eigentlich bisher nur positive Reaktionen bekommen. Dafür sind wir sehr dankbar! Zum Thema “Meine Welt ist bunt” …rate mal… Du treibst dich auch schon lange genug in dieser Szene rum. Natürlich haben es nicht alle verstanden bzw. wollten es nicht verstehen. Es gab Kommentare der Klasse „Ob der Sänger auch Neger sagt und behauptet nicht rassistisch zu sein“, oder „Peinlicher geht es nicht“ und und und… aber diese Leute haben sich auf zwei Zeilen im Text bezogen und daher ist das meiner Meinung nach auch keine relevante Kritik.

Oberflächlich und mit einer gewissen Doppelmoral, wie man es eben in letzter Zeit des Öfteren mitbekommt. Ich fand es aber auch schön, dass einzelne Leute das persönliche Gespräch mit uns gesucht haben. Das man darüber diskutieren kann. Wir stehen mit Bravestar jetzt seit mehr als zehn Jahren auf der Bühne. Auf jeder einzelnen Show haben wir uns gegen Nazis ausgesprochen. Haben niemals eine Frau erniedrigt oder Homosexuelle als schlechtere Menschen angesehen. Ich denke wir müssen in der Sache niemanden etwas beweisen.

Der Text ist einfach „Real Talk“, wie wir Rapper sagen . Nur wollen viele die Wahrheit oft nicht sehen bzw. als solche anerkennen. Aber wir haben gesagt, was wir sagen wollten. Fertig. Abschließend kann ich beruhigt sagen, dass das positive Feedback überwogen hat. Es hat gut getan, zu hören, dass scheinbar viele Leute aus der Szene ähnlich denken. „Es war nicht alles schlecht“!

Bravestar Live
Bravestar Live

Welche Hardcore Band der letzten fünf Jahre würdest du für dich als einflussreich beschreiben, sowohl für euch als Band als auch für dich im privaten Bereich?

Zur neuen Platte wurden von Außenstehenden des öfteren Einflüsse von Wisdom In Chains genannt. Ich habe den Vergleich als Kompliment genommen, denn für mich ist Wisdom In Chains eine der facettenreichsten und authentischsten Bands im Hardcore. Doch unseren Einfluss an einer Band festzumachen wird schwierig. Es gibt bzw. gab einfach so viele gute Bands da draußen, von denen man inspiriert wird. Meine persönlichen Highlights/Überraschungen der letzten fünf Jahre waren Bands wie God’s Hate, Incendiary, Disgrace, Lifesick und Malevolence, um nur ein paar zu nennen.

Mittlerweile gibt es euch seit über zehn Jahren. Ich kann mich noch eine eine Show von euch erinnern, wo gerade die Demo rauskam. Damals zusammen mit Bun Dem Out, CDC und The Boss. Was denkst du über euch als Band wenn du soweit zurückschaust? Was über die Musikszene in eurer Gegend?

Oh ja, im Kaoskeller Langenau. Das war glaub 2008. War ne geile Show und die Bude war voll. Ist heute leider nicht mehr selbstverständlich bei uns in der Gegend. Natürlich ist die Szene noch existent und präsent, aber lange nicht mehr so groß wie sie schon mal war. Woran das liegt? Keine Ahnung. Die großen Touren (Persistence Tour, usw.) werden ja weiterhin gut besucht. Also an Leuten, die die Musik gerne hören scheint es nicht zu fehlen. Vielleicht sind die kleineren Shows für die Kids heute nicht mehr so interessant.

Ich persönlich freue mich sehr, dass mittlerweile auch wieder für die Ulmer Gegend „etwas größere“ Bands Halt machen. H2O, Cold As Life, Merauder, Wisdom In Chains uvm. Man könnte annehmen, dass diese Namen selbst die „alten Hasen“ vom Sofa ziehen, aber das ist leider nicht immer der Fall. Es gibt aber noch einen harten Kern an Leuten der regelmäßig die Shows besucht. Ich persönlich hoffe, dass wir uns mit der Szene momentan nur auf einer kleinen Durststrecke befinden, dass sich das aber auch wieder ändern wird. Wenn ich an zehn Jahre Bravestar denke, dann denke ich an eine coole Zeit zurück. Natürlich waren auch Sachen dabei, die nicht so cool waren, aber daraus lernt man und wächst zusammen. Meistens sind es ja genau die Dinge die schief gegangen sind, über die man Jahre später noch spricht.

Wir durften mit vielen coolen Bands die Bühne teilen, haben unfassbar viele Leute, Städte und Länder kennengelernt, was ohne die Band wahrscheinlich nie passiert wäre. An Bravestar finde ich aber am coolsten, dass wir immer noch die gleichen Jungs sind, die Jungs, die die Band 2007 als Nebenprojekt gestartet haben. Das ist unbezahlbar. Kein einziger Wechsel im Line-Up und wir haben immer noch Bock. Philipp ist Anfang 2011 noch als zweiter Gitarrist eingestiegen, aber das war es.

Darauf sind wir auch besonders stolz. Ist aber auch eine Sache von Kompromissen, Respekt, vielen Diskussionen und gegenseitiger Rücksichtnahme. Freundschaft eben. Anders funktioniert sowas nicht. Heute gibt es ja viele Bands mit der Haltbarkeit von einem Becher Sahne. Ein Demo. Ein Album. Farewell Show. Diesen Ablauf musste man in den letzten Jahren leider schon sehr oft sehen. Ich bin glücklich nicht in so einer Band zu spielen.

Wenn ich das richtig beobachtet habe, spielt ihr vor allem im süddeutschen Raum und in Ostdeutschland. Auftritte im Norden und Westen der Republik sind eher seltener. Lässt sich das irgendwie begründen?

Um es mit den Worten von Sherlock Holmes zu sagen: Gut kombiniert, Watson! Das stimmt. Kann ich nicht abstreiten. Natürlich waren wir schon im Norden und im Westen, aber der Großteil unserer Shows ist tatsächlich im Süden und Osten. Gründe hierfür kann ich dir nicht nennen. Lediglich Vermutungen. Wir sind eine Band aus dem Süden, was vielleicht dafür spricht, dass wir oft hier unten spielen. Unser Label hat seinen Sitz im Osten, vielleicht werden wir deswegen dort öfters gebucht. Aber damit sind wir jetzt glaub keine Exoten. Schau dir doch Bands in unserer Größenordnung aus dem Norden an. Wie oft siehst Du diese Bands im Süden? Wir sind auf jeden Fall immer glücklich in den Van zu steigen. Egal ob die Strecke 10km oder 1.000km ist.

Neben deiner Band veranstaltest du ja auch öfters Shows in Bayern. Ist es schwierig in einer eher ländlichen Gegend Shows auf die Beine zu stellen, die gut besucht werden?

Ich habe das Thema oben bereits mal teils angeschnitten. Früher war es einfacher. Als ich 2008 angefangen habe selbst Shows zu machen, konnte ich eigentlich jede Band holen ohne mir Gedanken zu machen, ob ich rauskomme oder nicht. Weil ich meine Kalkulation auf 120 Leute, die sicher am Start sind auslegen konnte. Ich habe damals Fallbrawl, Xibalba, Circle Of Death, Ruckus, Twitching Tongues, Brothers In Crime, Spinkick, Providence, Reduction und viele andere zum Teil erstmals in den Süden geholt. Kam mit den Kosten eigentlich immer auf +/- null raus. Einmal bin ich dann ordentlich auf die Fresse geflogen. Aber auch daraus lernt man.

Heute habe ich meine Shows auf ein/zwei pro Jahr runtergefahren. Nicht weil ich keinen Bock auf mehr hätte, sondern weil es aus Veranstaltersicht einfach immer schwieriger wird. Aber komplett kann und will ich es nicht sein lassen. Des Weiteren haben wir in unserer eher ländlichen Gegend auch nur noch ein Jugendhaus, welches geeignet und auch bereit ist die Räumlichkeiten für Shows zur Verfügung zu stellen. Meistens haben wir nur die Abendkasse mit der wir alles bezahlen und das wird manchmal eben ganz schön eng.

Wir können heute eben nicht mehr davon ausgehen, dass sicher 100 Leute kommen, also müssen wir auch anders planen. Das ist aber ein Problem, mit dem wir hier im Süden nicht alleine dastehen. Ich habe Kontakt mit vielen Veranstaltern, die vor ähnlichen Herausforderungen stehen und es jedes Mal aufs Neue wieder versuchen. Bei meinen Shows ist es mir sehr wichtig, dass sich die Bands bei uns wohlfühlen. Sauberer Schlafplatz und ordentliche Verpflegung gehören für mich einfach zu den Basics. Das gibt es aber leider alles nicht umsonst und so entstehen natürlich Kosten, die erstmal wieder reinkommen müssen.

Bei uns ist noch nie eine Band ohne die vereinbarte Gage vom Hof gefahren. Egal wie scheiße der Abend lief. Bisher hat sich auch noch keine Band beschwert, daher gehe ich davon aus, dass wir das ganz gut machen und die Bands kommen auch gerne wieder.

Abschließend würde mich noch interessieren, wie die Pläne der fünf Cowboys für die Zukunft aussehen?

Kurzfristig gedacht wollen wir unser neues Album natürlich noch weiter in die Welt tragen und live präsentieren. Langfristig wollen wir auf jeden Fall noch ein paar Jahre weitermachen, aber so genau wissen wir alle nicht, was die Zukunft bringt. Da lassen wir uns überraschen. Es kommen mit Sicherheit noch neue Songs und neue Erfahrungen. Wir sind selbst gespannt.

Vielen Dank für das Interview. Die letzten Worte sind wie immer deine.

Zunächst möchte ich mich ebenfalls für das Interview und das Interesse bedanken. Ihr habt mir mit euren Between The Lines-Formaten schon viele informative Toilettengänge beschert. Auf das noch viele weitere solcher Momente kommen mögen. Danke an die ganzen Leute die uns schon seit vielen Jahren unterstützen. Checkt unser neues Album “Decisions“. Hört niemals auf alles in Frage zu stellen. Supportet die Bands und die Labels, die sich jeden Tag den Arsch aufreißen um euch mit neuer Musik zu versorgen. Geht wieder mehr auf Shows und am Wichtigsten: Passt auf euch auf. Danke!

Für weitere Informationen checkt:

www.facebook.com/bravestarhc

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www.onelifeonecrew.de

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