Between The Days Reviews (Amenra, Citizen, Converge, Iron Monkey)

Ein Teufelskreis. Da hat man das ganze Jahr über zu viel Zeit dafür, Kohle für Platten auszugeben, aber kaum mal ne freie Minute, um den Krempel zu hören. Zum Glück kann man sich auf den Geburtstag von Baby Jesus und die Freizeit zwischen den Tagen verlassen. Also Käffken aufgesetzt und auffe Couch vor den Plattenteller geworfen, um ein paar der zu wenig gewürdigten Schätzchen auf den letzten Metern die angemessene Spielzeit zu geben.

Los geht’s mit Amenra‘s Mass VI.“ Nachdem ich den Church Of Ra-Hype verschlafen habe, mich die Band live aber durch die wahnsinnig atmosphärische, visuelle Inszenierung abgeholt hat, wurde es Zeit mir endlich mal ein physisches Release zuzulegen. Amenra setzen mit „Mass VI“ einmal mehr auf zäh-düstere Post Metal-Songs in Überlänge. Nun gut, stilistisch hat man das sicher von Cult Of Luna, Neurosis oder Year Of No Light schon filigraner inszeniert gehört.

Amenra - Mass VI.
Amenra – Mass VI.

Amenra entfernen sich dafür bewusst von den progressiven Pfaden vorgenannter Bands und setzen die eigene musikalische Idee in eher monolithischer Form um. Klingt dann wie eine äußerst hypnotische Symbiose aus Cult Of Luna und Omega Massif, bei denen Stephan Kickback am Mic aushilft. Große Riffs, viel Lava und clever eingesetzte Laut/Leise-Dynamik. Sehr atmosphärische Platte, die ihren Höhepunkt im wunderschönen „A Solitary Reign“ findet.

Von den finsteren Klängen belgischer Postapokalyptiker geht’s dann abrupt in Frühlings- und Herzgefühlswelten alternder Ü30 Indie- und Dreampop-Boys. Mit „As You Please“ liefern Citizen locker die Gefühls-Scheibe des Jahres ab. Die zwölf Songs klingen insgesamt wieder positiver und zeichnen auf emo-poppige Art und Weise das Bild einer melancholischen, aber durchaus optimistischen Weltanschauung.

Citizen - As You Please
Citizen – As You Please

Sowohl die düster-grungigen Exkurse von „Everbody Is Going To Heaven“, als auch die flotten, sehr impulsiven Ausbrüche von „Youth“ gehören größtenteils der Vergangenheit an. Das wirkt auf mich aber ziemlich konsequent – irgendwie so, als seien Citizen nach ihrer stilstischen Odysee angekommen und sesshaft geworden. Sicherlich nicht Jedermanns Sache, aber mit viel Liebe gemacht und immer noch ganz weit weg von auf Hochglanz polierten Pop-Punk-Konstrukten. Ein sehr rundes Album, für Jeden, der auf Jimmy Eat World, Basement oder Turnover steht. Anspieltipp: „Fever Days“ und „In The Middle Of It All“

Nach so viel beschwingter Wehmut geht’s zurück in das vertonte Klangchaos von „The Dusk in Us“. Wat ne Platte. Converge schrauben einmal mehr an genau den richtigen Rädchen zwischen musikalischem Wahnsinn und Eingängigkeit, das ist wirklich schon abgefahren. Energie, Gefühl, Chaos, technische Finesse, faszinierende Spannungsbögen, brachial-dreckiger Sound, alles watte willst. Objektiv betrachtet zählen die Metal/HC/Punk-Grenzgänger sicherlich zu den wenigen Ausnahmebands der Szene.

Converge - The Dusk in Us
Converge – The Dusk in Us

Das liegt nicht zuletzt an Mastermind Kurt Balou, dessen Einfluss auf die heutige Metal/HC-Landschaft wohl generell als prägend bezeichnet werden kann. Dass das musikalische Produkt trotz aller Qualität für den ein oder anderen nur bedingt hörbar ist, kann ich gut nachvollziehen. Ich kann jedem Skeptiker nur den Tipp geben, sich mit relativ zugänglichen Songs wie „A Single Tear“ oder dem Titeltrack vorsichtig an die Materie heranzutasten bis es Klick macht. Setzt die Messlatte nach dem fantastischen „All We Love We Leave Behind“ nochmal ein deutliches Stück höher. Darf eigentlich keiner verpassen.

Apropos… verpassen sollte man als eingefleischter Doom- und Metal-Fan auch die Reunion des Jahres nicht: Das UK-Sludge-Flaggschiff Iron Monkey kehrt 15 Jahre nach dem Tod von Frontmann Johnny Morrow mit dem schlicht betitelten Langeisen „9-13“ zurück. Das Mikro schwingt jetzt Chaos U.K. Berserker Shannon Briggs. Der sieht nicht nur so aus, als würde er Lastwagen durch die Gegend ziehen und Kinder entführen, der klingt auch dementsprechend. Dass er dabei trotzdem nicht an das genredefinierende Garstigkeits-Level seines Vorgängers herankommt, war zu erwarten. Kopf Hoch, Shannon. Klingt nämlich trotzdem richtig fies.

Iron Monkey - 9-13
Iron Monkey – 9-13

Musikalisch bleibt abgesehen vom deutlicher hervortretenden Punk-Touch alles beim alten. Fette Riffs, Groove, Gekeife und jede Menge in simple Songstrukturen verpackte schlechte Laune. Problematisch wird dieses Revival lediglich dadurch, dass gerade Johnnys unverwechselbarer Gesang der Band seinerzeit zu Kultstatus verholfen hat und irgendwie untrennbar mit dem Namen Iron Monkey verbunden ist. Was anno 1997 in all seiner Rotzigkeit noch Maßstäbe gesetzt hat, wirkt 20 Jahre später natürlich auch nicht mehr ganz so krass. Aber na ja! All das sollte man nicht überbewerten. Summa sumarum bleibt eine super-wütende Platte, die Jeden bocken sollte, der auf Eyehategod & Co abfährt.

Macht also unterm Strich vier 2017er Platten, die mit Sicherheit auch im neuen Jahr noch Spaß machen. Wer wahlweise auf atmosphärischen Doom, Indie, 90s Emo, chaotisch-progressive HC-CrustMetal-Hybriden oder angepissten Sludge Metal steht, sollte zugreifen.




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