MARKUS VS PAUL VS MORITZ: Blood By Days – Throughout The Years

Markus VS Moritz (UND PAUL!)
Markus VS Moritz (UND PAUL!)

“Throughout The Years” – eine musikalische Verabschiedung in neun Akten von 14 Jahren Bandgeschichte. Eine Berg- und Talfahrt mit vielen Auf und Abs. Vom lokalen Geheimtipp zum kurzzeitigen Hype-Gespenst der überregionalen Mosh-Fraktion. Blood By Days wandelten sich nicht nur vom jugendlichem “Dayz” zum erwachsenen “Days”, sondern legten mit ihrem letzten Tonträger auch eine ordentliche Distanz zum Erstlingswerk “Familia” hin.

Wie sich BBD 2017 anhören und was der Abschied für einen Eindruck hinterlässt, gilt es im Folgenden zu klären. Paul, Wahl-Siegener und lokales Abrißgerät für New Jacks im Pit und ich treffen auf Moritz, Teil von BBD und verantwortlich für die heißen Verse. Zu dritt sezieren wir die Songs, wobei jeder wohl seine eigene Sicht auf die Dinge hat.

Blood By Days - Throughout The Years Cover
Blood By Days – Throughout The Years Cover

01. Eiswüste

Markus:
“Eiswüste” erschien im Vorfeld als Single-Auskopplung und Appetizer für die Pre-Order der Platte, welche auf CD/Vinyl und Digital erscheinen wird. Was fällt auf? Es wird wieder auf Deutsch gerappt und der Schreihals wurde erneut ausgetauscht. Anstatt Chris von Ablaze, welcher auf dem Vorgänger “As Thick As Thieves” noch interimsmäßig das Mikrofon vollgespuckt hat, ist hier nun Sascha von Embraced By Hatred am Start. Da sollte es wenig Spielraum für Gemecker geben – alleine aus gemeinsamer Liebe zum 57-HC eine logische Entscheidung. Musikalisch würde ich sagen, dass Chris besser zu den groovigen Passagen gepasst hat, Sascha natürlich aber gerade auf den Mosh-Passagen enorm punkten kann. Die Marschrichtung ist vermeintlich erstmal klar: die Mischung aus überlappenden Backings, Rap und harten Breaks bleibt bestehen und bildet eine logische Fortführung von “As Thick As Thieves”. Der Song gefällt mir gut, pendelt sich allerdings meiner Meinung nach auf Albumsicht eher im Mittelmaß ein. Ich hätte mir durchaus auch eine andere Single vorstellen können. Was hat euch dazu getrieben gerade diesen Song zu nehmen, Moritz? 

Moritz:
Stimmt schon, dass der Track stilistisch ziemlich exakt zwischen dem Ying & Yang der Platte steht. Ist sicher dadurch weniger spannend/schockierend, als andere Songs. Intern wurde gefühlte zwei Monate diskutiert, was wir zuerst veröffentlichen. “Eiswüste” hat da am wenigsten polarisiert. Außerdem wollte ich nicht, dass Paul traurig oder wütend ist. Dass es jetzt unser erster/einziger vermeintlich politischer Song ist, sprach irgendwie dagegen, den als Vorbote zu nehmen. Aber wir sind ja auch jetzt erwachsen und waren alle schon mal wählen, da kann man das dann ja zum Schluss ruhig mal machen.

Paul:
Ein Glück! Ich hatte schon die heimliche Befürchtung BBD seien mittlerweile zu erwachsen geworden, um noch mal einen anständigen Moshpart zu schreiben. Aber Spaß beiseite – das Lied gefällt mir ziemlich gut. Ich war natürlich super gespannt darauf, wie sich das brachiale Organ von Sascha auf den Sound der Band auswirkt. Und gerade bei der wütenden Grundstimmung, die der Text transportiert harmoniert das Ganze perfekt. Ich hätte zwar noch ein bis zwei Breaks mehr in den Song eingebaut, weil vier Minuten doch schon recht lang sind, da hier aber offensichtlich die Message im Vordergrund stehen soll, geht das vollkommen klar. Guter Opener, ich bin gespannt wie es weiter geht.

02. Nightcrawler (feat. Flo EBH/For Heads Down)

Paul: 
Da ich ja Moritz’ heimlichen Wunsch kenne, irgendwann eine Pop-Punk Band zu gründen und nur noch auf Abi-Bällen und 30. Geburtstagen gegen Bier als Bezahlung aufzutreten, war ich mir sicher, dass sich das auch irgendwie auf das kommende Album auswirken wird. Der Song beginnt erst mal ziemlich heavy mit geilem Riffing und geht druckvoll nach vorne, um dann quasi um 180° zu schwenken und dank der Unterstützung von Flo (Embraced By HatredFor Heads Down) sehr melodisch zu werden. Die wilde Mischung aus Shouts, Rap und Gesang kannte man ja schon von “The Beat Of The Broken” vom letzten Album und ist sicherlich Geschmackssache. Ich muss zugeben, meinen Nerv trifft der Song nicht ganz, vor allem da die Jungs im Laufe des Albums noch zeigen, dass man diese Mischung viel runder umsetzen kann.

Markus:
Ja, hier hat mich der 180° Schwenk auch ziemlich unvorbereitet getroffen, gerade nach dem Opener wird es doch teilweise sehr poppig. Allerdings finde ich, dass hier die Stimme von Sascha auf den härteren Parts unglaublich geil wirkt. Abgesehen von den Gesangseinlagen, die sicherlich nicht jedem gefallen, aber unbestreitbar qualitativ sind, find ich den Song deutlich runder als den Opener. Und wer noch mein VS-Review mit Moritz über E-Town im Kopf hat, der weiß auch, dass ich das Singen heimlich auch geil finde.

Moritz:
Uns war bewusst, dass wir hier kritisches Areal betreten und einige Leute spätestens jetzt enttäuscht ihre BBD-Mesh-Shorts in die Altkleidersammlung geben. Aber das Geile ist ja, dass wir jetzt machen können, was wir wollen. Was sollen die Leute fordern?! Dass wir uns auflösen?

03. Steel City Kids

Markus: 
Das ist auf jeden Fall ein Song, wie ich ihn von BBD erwartet habe und der so alles irgendwie beinhaltet, was ich mit BBD verbinde. Transportiert erstmal einen ordentlichen “Can’t Fuck With”-Vibe (viele Grüße an Heier EPC – was der wohl jetzt so treibt?) und eine ordentliche Portion Heimatliebe. Und dann noch ein Skit vor dem Moshpart: BBD bringen die 2000er zurück.

Paul:
Haha. War ja klar, dass BBD nicht einfach gehen kann, ohne noch mal ein witzigen Seitenhieb Richtung Szene zu geben. Markus hat voll recht, der Song hat definitiv einen geilen 2000er-New Era-Pressure Fest-Vibe und vor lauter zugezogenem lokalpatriotischen Stolz schwillt meine Brust gleich an. Ich feier den Track jedenfalls. Steel City, Brudi, jau was los?!

Moritz:
So einer musste halt nochmal sein. Alles, was die Leute an uns immer so richtig kacke fanden, komprimiert in knapp drei Minuten. Bitteschön.

Blood By Days 1993
Blood By Days 1993

04. Verbrannte Erde

Paul: 
Fällt mir schwer, was zu dem Song zu sagen. Es ist auf jeden Fall ein sehr persönliches Lied mit einem ziemlich durchdachten Text. Ich bin immer beeindruckt, wie man es schafft so etwas persönliches so gut zu formulieren. Und gerade wegen der letzten Strophe gefällt er mir sehr gut.

Markus:
Fängt auf jeden Fall wieder hart an, die Gitarren gefallen mir da am Anfang auf jeden Fall gut – klingt fast schon etwas episch. Bass geht auch gut durch und das Abwechseln der Stimmen ist ja eh schon ein Markenzeichen von BBD. Text ist halt auf jeden Fall ordentlich, an wen der wohl geht? Und ob derjenige wohl auch die neue BBD-Platte hört und sich angesprochen fühlt?

Moritz:
Sarah Lombardi muss endlich aufwachen! Musikalisch ist das für mich der vielleicht ausgewogenste Song der Platte.

05. The Road

Markus:
Wieder so ein Brocken über vier Minuten. Generell zeichnen sich die Songs durch langsame Aufbauten aus, viel Melodie und Platz, um sich zu entfalten. Sascha steigt auch wieder hier in den Song ein, sobald das Tempo angezogen wird. Muss allerdings sagen, dass der Song etwas untergeht für mich, da sich einfach sehr einreiht im Gesamttenor der Platte. Das Ende mit dem Chören ist allerdings schon cool!

Moritz:
Ich gebe dir da recht. Der Song schlägt wenig nach oben oder unten raus, was vielleicht auch daran liegt, dass es der erste Song ist, den wir nach der “As Thick As Thieves” geschrieben haben. Aber ich bereue nichts und gesungen wird auch nochmal kurz. Das macht Spaß.

Paul:
Ist euch eigentlich mal aufgefallen, dass der Sänger der Band hier sein eigenes Album reviewed! Was sind wir denn für ein korruptes Magazin? Lasst euch nicht verarschen! Lügenpresse!!!1! 

06. Foxcatcher (feat. Flo EBH/For Heads Down)

Paul:
Das poppige, was mir bei “Nightcrawler” noch irgendwie zu unrund rüberkam, setzen die Jungs hierum einiges besser um. Bei dem Song passt alles. Die Gitarrenmelodien bauen eine richtig schöne Atmosphäre auf, die dann in einer gesungenen, teilweise mehrstimmigen, Hook gipfelt. Sehr catchy der Song. Und ich bekomme so ein wohliges “Sommernacht, die Welt ist schön, lass betrunken auf der Straße liegen”-Gefühl in der Magengegend, wenn ich den Track höre. Und auch wenn kein einziger Moshpart enthalten ist, ist es mein Lieblingstrack auf der Scheibe. 

Markus:
Die Welt ist im Wandel. Ich spüre es im Wasser. Ich spüre es in der Erde. Ich rieche es in der Luft. Paul’s Lieblingssong ist der Song ohne Moshpart – Ciao. Mein Lieblingssong der Platte hat zwar auch keinen Moshpart – aber da sind wir noch nicht. Wenn man Sascha aus dem Song schneiden würde, wäre das auch ein Kandidat fürs Radio. Generell finde ich einige Songs der Platte durchaus massentauglich, was aber eher ein Kompliment ist. Das Ding ist wirklich sehr qualitativ und professionell an einigen Stellen. 

Moritz:
Ist ganz klar ein Hit. Kann ich nicht leugnen.

Starry Eyes & Bier
Starry Eyes & Bier

07. Starry Eyes

Markus:
Vorbei mit Radio. Die Gitarren sind gefühlt wieder drei Etagen tiefer, Kirchenchöre in der Hook gehören der Vergangenheit an. Es dominieren wieder Saschas Stimme, gut platzierte Singalongs und der unterschwellige Hass-Mosh-Groove, der Jonas ziemlich schnell die gelb-Rote Karte einspielen würde. Doch dann? Plötzlich singen die schon wieder. Und dann wird’s wieder hart. Der Song spielt mir ein bisschen zu viel mit den Gegensätzen. S-Town Concrete, oder wat? Aber: Definitiv der härteste und geilste Moshpart der Platte. Gerade durch den Gesang von Sascha klingt das aber (leider), als würde der straight vonner EBH-Platte kommen.

Moritz:
Damit das so klingt, haben wir Sascha und seinen Bizeps ja auch aus der Frührente geholt!

Paul:
Der Anfang ist ja mal so was von Bilderbuch BBD Songaufbau. Aber ich gebe Markus recht, gerade bei den härteren Parts des Albums fühlt man sich manchmal an die “Time Waits” Platte von EBH erinnert. Was für mich aber eher ein Grund ist, das Ganze gut zu finden. Und da Tobi (Ex-WMAG/BBD ) ja auch schon ein sehr starker Shouter war, passt das gut ins Gesamtkonzept. Gibt meiner Meinung nach nix öderes, als zwei Frontmänner, die genau gleich klingen und man das erst checkt, wenn man die Band das erste mal live sieht. Den Song find ich gut und der Moshpart am Ende ist echt brutal.

Moritz:
Na also, endlich findet mal jemand nen Moshpart gut und nicht nur den Revolverheld-Herzschmerz.

Blood By Days x Jephza
Blood By Days x Jephza

08. Sturm & Drang (feat. Jephza)

Paul:
Wenn man so auf deine Texte hört, könnte man echt den Eindruck bekommen, dass erwachsen werden ganz schön scheiße ist. Der Song hat zwar kaum Höhen und Tiefen und ist sehr ruhig,dafür aber auch umso melodischer. Und schon wieder muss ich zugeben, dass ein Song ohne wirklichen Moshpart zu einem meiner Favoriten der Platte gehört. Was ist nur mit Paul los ?

Moritz:
Ich wollte immer schon mal so einen vertonten Schmachtfetzen über jugendliche Rastlosigkeit und Erwachsenwerden schreiben, damit keiner mehr Casper hören muss, wenn er heimlich weinen will. Freut mich auch tierisch, dass wir es endlich geschafft haben mit Jephza zu kollaborieren!

Markus:
Ein ganz großes Herz für Jephza! Teenage Angst auf einer BBD-Platte, geil. Älter werden ist bis 21 cool, danach geht’s bergab. Auffallend cooler Flow auch vom Moe, der neben einem etablierten Rapper durchaus glänzt.

09. Helden der Nacht III

Paul:
Ok, jetzt bin ich traurig. Das Lied ist ein schöner Abschluss, auch wenn ich beim Hören die ganze Zeit das Gefühl hatte, dass ihr eigentlich gar nicht aufhören wollt und eure Entscheidung erst noch verarbeiten müsst. Ich bin jedenfalls froh, das ihr euch nicht sang- und klanglos von der Bildfläche verabschiedet und das Ganze würdig zu Ende bringt. BBD war gefühlt schon immer da, seit ich irgendwas mit Underground-HC am Hut hatte und hat mich beeinflusst noch bevor es denkbar war, das ich mal irgendwas mit der Siegener Szene zu tun haben könnte. Von daher danke für die guten Jahre. Ich freu mich auf noch ein paar spaßige Gigs mit euch. One Love!

Markus:
Ich stehe an einer Klippe, der Wind weht durch meine langen, lockigen Haare. Wasser, hochgeschleudert durch die Brandung, perlt über meine Wangen. Eine feine Kruste aus Salz bildet sich auf der Haut. Ist es Meerwasser, oder sind es Tränen? Der Blick schweift in die Ferne, die Sonne senkt sich am Horizont, Möwen schießen schreiend in die Tiefe, dem ewigen Schwarz entgegen. Die Kamera fährt hinter mir langsam hoch, der Bildausschnitt wird größer, langsam fährt das Szenario ins Off und es bleibt nur noch das Rauschen des Meeres, eine Leere und die Ungewissheit, was die Zukunft wohl noch für uns zu bieten hat. “Helden der Nacht III” ist der Soundtrack zum “im Auto aus dem Fenster gucken” oder traurige, bedeutungsschwangere Filmenden. Für mich der beste Song der Platte und vielleicht der beste Song, den BBD je gemacht haben.

Moritz:
Den Text habe ich am letzten Studiotag vor den Gesangsaufnahmen geschrieben. Das war wie zu Schulzeiten, als man die Hausaufgaben im Bus gemacht hat, weil man zuhause den ganzen Tag Mario Kart gespielt hat. Aber dadurch ist das auch authentisch und wirklich der letzte musikalische und lyrische Atemzug. Mehr Pathos geht nicht. Total ekelhaft. Aber halt auch irgendwie schön. Freut mich, dass es gefällt. 

Blood By Days 2017
Blood By Days 2017

FAZIT

Markus:
Mir gefällt die Platte besser, als “As Thick As Thieves” und ich glaube schon, dass das generell so euer rundestes Release ist. Das fängt irgendwie alles ein, was ihr über 14 Jahre wart, ohne falsch zu wirken. Obwohl es teilweise arg mit der Pop-Welt flirtet, was vielleicht einige Leute stören könnte, find ich es durchweg stimmig und cool. Stärkste Songs: “Helden der Nacht III”“Starry Eyes”“Sturm und Drang” und “Steel City Kids”. Schwächster Song, wie ich finde: “Eiswüste”. Chapeau!

Paul:
Auch wenn ich zugeben muss, dass mir die “As Thick As Thieves”  im ersten Eindruck besser gefiel, ist “Troughout The Years” ein super Album geworden, das die musikalische und textliche Weiterentwicklung liefert, mit der ich gerechnet habe. Die Platte besticht durch sehr viel Melodie, die wie Markus schon sagte, teilweise durchaus ins poppige gleitet. Auch wenn die fucking faggot-Zeiten für BBD vorbei sind, steckt aber noch genug Bollo-Attitüde in den Moshparts, um auch alt eingesessene Fans zu begeistern. Top-3 der Platte: “Foxcatcher”, “Sturm und Drang”, “Starry Eyes” “Steel City Kids”.

Moritz:
Danke für die netten Worte, die nichts mit Lobbyismus oder damit zu tun haben, dass ich ebenfalls für dieses Zine schreibe. Diese Platte sollte von jedem gekauft werden, der vor dem Spiegel mosht, aber heimlich auch gerne kuschelt und über Gefühle redet. Ich bin auch ein bisschen stolz.

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