Call Of Charon / Mortal Hatred – The Takeover Review

So. Räumt die handnummerierten 7-Inches eurer heißgeliebten Trapped Under Ice & No Warning Gedächtnis-Mosh-Bands beiseite, zieht das XXL Life Of Agony Baseballtrikot aus und springt über euren Schatten. Jetzt reden wir nicht darüber, was die coolen Kids in Sachen Hardcore 2016 euch so als angesagt indoktrinieren, sondern über das „The Takeover“ Split Release von Mortal Hatred & Call Of Charon. Das klingt so gar nicht nach dem Grunge-, Crossover- oder MetalHardcore der 90er Jahre in denen wir alle so gerne aufgewachsen wären, sondern im weitesten Sinne nach – Vorsicht! – modernem (!) Death Metal / MetalCore / weiß der Geier. Stilistisches Kontrastprogramm also.

Call Of Charon

Die CD wurde durch Kernkraftritter Records Ende 2015 veröffentlicht und hat bis dato schon einen Haufen durchweg positive Kritiken von diversen Blogs und Musikmagazinen wie der Rock Hard bekommen. Grund genug also mal reinzuhören. Jede Band darf 3 Songs beisteuern, die soziale Gerechtigkeit ist damit also schon mal gegeben und Karl Marx klatscht Applaus aus dem Grab.

Den Anfang macht die Duisburger Kapelle von Call Of Charon. Der erste Song „The Resurrection“ startet mit sanften Pianoklängen, geht dann aber direkt in die Vollen. Sau schnell, auf den Punkt gespielt und vor allem Doublebass-lastig. Trotz dem doch dezent klinischem Sound gefallen mir gerade die teilweise sehr klassischen Gitarren. Vielleicht doch ein bisschen 90er Todesblei. Hier & da klingt das auch etwas skandinavisch. Die Soli & „Melodien“ halten sich aber wirklich in Grenzen und wirken nicht zu anbiedernd. Die Vocals sind das, was ich als solide bezeichnen würde. Passt, aber da fehlt einfach ein bisschen was. Die beiden weiteren Songs schlagen grob in die selbe Kerbe, insbesondere „Coffin Nails“ klingt in meinen Ohren mit den Breaks dann aber doch etwas moderner. „Age Of Woe“ gibt zum Schluss der ersten Splithälfte nochmal Vollgas und haut in 2:50 Minuten alles kurz und klein. Das klingt in der Gesamtheit dann wirklich angenehm wie aus einem Guss, wenn auch wenig abwechslungsreich. Die Jungs aus dem Pott treffen nicht zu 100% meinen Geschmack, aber verdienen sich allein durch die ausgefeilten Arrangements und die schöne Gitarrenarbeit ein Fleißbienchen. Technisch ist das klasse und die drei Songs dürften jeden Fan des Genres begeistern oder zumindest anerkennend nicken lassen.

Mortal Hatred

Weiter geht’s mit Mortal Hatred aus dem beschaulichen Städtchen Kreuztal in Süd(Süd-Süd)-Westfalen. Die Band hat ihren Sound früher mal als „danceable DeathCore“ bezeichnet. Vielleicht etwas unglücklich gewählt. Denn bevor hier irgendwer was von Hipster, V-Neck oder Skinny Jeans Metal schreit – keine Angst. Die Band ist mittlerweile schon seit 2005 aktiv und stammt damit aus einer Zeit, in der noch keiner wissen konnte, welchen Einfluss Skrillex, H&M und schlechte Frisuren mal auf einen Teil der Metal/Hardcore-Landschaft haben würden. Schon im Opener „Traditional Godzilla Violence“ wird gefühlte ¾ im Blastbeat-Tempo herumgekloppt. Vielleicht weil Schlagzeuger Kai wieder zu viel vom Energydrink genascht hat. Das macht jedenfalls Spaß und auch die Breaks klingen nicht so, als wären sie mit Hilfe der neuen Meshuggah Djent-App & einem als Gitarrenlehrbuch missverstandenem „How to: binary code“ Ratgeber zusammengeschustert worden, sondern walzen angenehm brutal und mit jeder Menge Groove durch die heimische Stereoanlage. Das klingt dann wirklich nach modernem Death Metal und weniger nach diesen zu Tode getriggerten Plastikmetalbands, die man mal auf YouTube hören musste, als man beim ersten Date mit Br00tal-Petra_1994 von HC-Flirt Eindruck schinden wollte. Der zweite Song kommt zumindest partiell im muttersprachlichen Gewand daher. „Sonnenkind“ klingt aber zum Glück trotzdem nicht nach In Extremo oder Tanzwut. Die großzügig eingestreuten Melodien gefallen mit sehr gut, die teilweise sehr dominante und doch sehr moderne Rhythmik einiger Parts dagegen weniger. Das ist aber halt echt Geschmackssache. Mortal Hatred streuen hier sogar ein paar epische Streicher ein, die schön in die Dramaturgie des Songs passen. Aufbau und Spannungsbogen sind hier wirklich klasse. Für mich stellt der Song den Höhepunkt der gesamten Split dar und macht den mit einigen Innovationen garnierten Spagat aus Klassik & Moderne so lässig, dass sogar der junge Jean Claude Van Damme jubilieren würde. Der letzte Song „Iron Grave“ wirkt für mich dagegen etwas zerfahren. Mal schleppend, mal schnell, mal Breakdown-lastig. Solide aber irgendwie etwas gesichtslos und nicht ganz rund. Das kann mich dann besonders über die stolzen 5:44 Minuten hinweg nicht packen.

Ok, Fazit?! Das Teil ist superfett produziert, so wie man es in dem Genre eben (mittlerweile) erwartet. Während Call Of Charon punkten können, was Technik & Arrangements angeht, zeigen Mortal Hatred wie man trotz anspruchsvoller Schlagzeug- und Gitarrenarbeit abwechslungsreiche und vor allen Dingen eingängige Songs schreibt und das Ganze darüber hinaus noch mit einer eigenen Note versehen kann. Unterm Strich sollten Tech-Death & Physik Studenten, DeathCore Kids und auch klassische Todesmetaller ruhig mal ein Ohr riskieren.

TracklistCall Of Charon / Mortal Hatred - The Takeover

01. Call Of Charon – The Resurrection
02. Call Of Charon – Coffin Nails
03. Call Of Charon – A Tail Of Woe
04. Mortal Hatred – Traditional Godzilla Violence
05. Mortal Hatred – Sonnenkind
06. Mortal Hatred – Iron Grave

Für weitere Informationen checkt:

https://www.facebook.com/mortalhatred57
https://www.facebook.com/callofcharon

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