Heaven Shall Burn – Wanderer Review

Heaven Shall Burn aus dem politisch momentan eher unschönen Ostdeutschland bekleiden nicht erst seit heute die höchsten Ränge der deutschen Metal- und Hardcore-Szene. Mit ihrem achten Album „Wanderer“ tun die sympathischen Metalcore-/Melodic-Death-Metal-Koryphäen genau das, was sie am besten können – sich voll und ganz treu bleiben ohne sich selbst zu kopieren. Während man mit den letzten drei Releases etwas tiefer in experimentellen, moderneren Wassern fischte, klingt “Wanderer” wieder stärker nach den Heaven Shall Burn, die man auf „Whatever it May Take“, „Antigone“ und „Deaf To Our Prayers“ zu hören bekam. Da ich die Platte selbst so sehnsüchtig erwartete, wie viele von euch wahrscheinlich auch, möchte ich in dieses Review besonders viel Mühe stecken und die neue, kürzlich auf Century Media erschienene Platte der Band Song für Song besprechen.

Heaven Shall Burn Live
Heaven Shall Burn Live

Eröffnet wird die Scheibe mit düster anmutenden Intro „The Loss Of Fury“, das mit seinen finsteren Disharmonien fast schon nach skandinavischem Black Metal der Marke Mayhem oder Dissection klingt. Allerdings soll das Intro damit eine Ausnahme bleiben und bereits im zweiten Song „Bring The War Home“ geht es wieder nach altbekannter Heaven Shall Burn-Manier mit einer stimmigen Mischung aus schwedischem Death Metal, Hardcore und Bolt Thrower-Anleihen gnadenlos vorwärts. Im Vergleich zu den vorherigen drei Alben, bei denen man einen starken Fokus auf melodisches Metalriffing gelegt hat, beweist man hier nun endlich wieder, dass man mit Earth Crisis, Liar und Day Of Suffering nach wie vor was anfangen kann, was sich letztendlich in einer nahezu perfekten Symbiose aus Metal-Melodien und der Energie des Hardcore manifestiert. Auch stimmlich und textlich zeigt man sich nach bekannten Mustern ohne zu langweilen: Sänger Marcus kreischt sich nach wie vor auf unmenschlichste Weise über die Fehler und Missstände unserer Gesellschaft aus und wirkt dabei wütend wie eh und je. Weiter geht es mit dem etwas metallischeren „Passage Of The Crane“. Hier greift man wieder beherzt in die Schweden-Kiste wie eine Erstsemester-WG beim Einkauf bei Ikea. Der Song gibt sich deutlich melodischer als sein Vorgänger und rückt den Melodic-Death-Metal dem Hardcore gegenüber wieder stärker in den Vordergrund, ohne dabei jedoch an Härte zu verlieren oder kitschig zu klingen. Musikalisch nimmt der Song mich trotz der grundlegend unterschiedlichen Herangehensweise genauso mit wie sein Vorgänger, da er in sich einfach funktioniert. Mit dem ersten Viertel der Platte können mich Heaven Shall Burn mal wieder für sich gewinnen. Mal schauen wie es mit den anderen drei Vierteln aussieht.

Nachdem ich mit „Passage Of The Crane“ kurz ein bisschen Zeit zum verschnaufen hatte, kommt mit „They Shall Not Pass“ auch schon die brachiale Härte zurück. Mit Doublebass-Walzen unterlegte Mid-Tempo Death-Metal-Riffs, welche mich erneut ein wenig an die leider kürzlich aufgelösten Death-Metaller Bolt Thrower erinnern, wechseln sich immer wieder mit eingängigen Melodien ab um einem letztendlich mit einem treibenden Hardcore-Break den Gnadenstoß zu verpassen. Im nächsten Song „Downshifter“, welcher von der Band bereits im Vorfeld als Single-Auskopplung veröffentlicht wurde, behält man das Konzept bei und positioniert sich zwischen brachialer Härte und ausgefeilten Melodien, welche hier besonders zu ihrem Glanz kommen. Mit „Prey To God“ folgt der wohl härteste Song des Albums. Hier liegt der Fokus nicht weiter auf eingängigen Melodien, sondern viel mehr auf kompromissloser Härte, was insgesamt stark an Heaven Shall Burns Debut-Album „Asunder”, auf welchem sich die Band ähnlich hart und Death-Metal-lastig präsentierte, erinnert. Auch stimmlich bedient man sich hier des öfteren der Stilelemente des Death Metals und schmückt das hohe Kreischen mit tiefen Growls aus. „Wanderer“ gibt sich auch im zweiten Viertel des Albums abwechslungsreich und stimmig. Ich bin mir immer sicherer, dass die Scheibe es in meine Top 5 für 2016 schafft. Aber wir wollen nicht vorschnell urteilen.

Mit dem folgenden Instrumental „My Heart Is My Compass“ folgt nun erst einmal eine Minute Schonfrist zwischen dem Hauchen des Windes und atmosphärisch, ja fast schon hypnotisierend wirkenden Gitarren. Insgesamt eine kleine Auflockerung die dem Hörer nach den drei vorherigen Dampfwalzen an dieser Stelle durchaus gut tut. Man hatte nun eine Minute Zeit um sich auf das absolut großartige „Save Me“ vorzubereiten. Die Band beweist hier ein Gespür für Melodien, das sogar den Melodic-Death-Giganten aus Göteborg in keiner Weise nachsteht und weiß dieses nahtlos mit treibenden Hardcore-Passagen zu kombinieren. Hier will sich die Gitarrenfraktion wirklich nicht lumpen lassen und lässt sich nicht nehmen noch ein kurzes aber anspruchsvolles Metal-Solo einzustreuen. Letztendlich bekommt man hier auch noch seinen obligatorischen Mosh-Part, um damit auch die Pit-Ninja Fraktion für sich zu gewinnen. Insgesamt handelt es sich bei „Save Me“ um ein absolut einwandfreies und rundes Gesamtpaket, das mich in allen belangen zufrieden stellen kann. Weitermachen tut man gleich mit dem nächsten Hit „Corium“. Bei Heaven Shall Burn möchte man den Hörer scheinbar gar nicht mehr aus dem Schwitzen rauskommen lassen. Wieder glänzt die Band mit Ohrwurm-Melodien, wobei man hier ein wenig auf die treibende Härte der anderen Songs verzichtet, was dem ganzen aber gar keinen Abbruch tut, da man sie absolut nicht vermisst. Der Song begeistert mit seinem tightem Drumming und eingängigen, parolenartigen Zeilen wie “Standstill in the name of progression, we lost control“, die auf zukünftigen Konzerten sicherlich für enthusiastische Singalongs sorgen werden. Ich habe nun drei Viertel der Scheibe hinter mir und alles bisher gehörte ist so gut, dass sich die Band bei mir die Platte tatsächlich nur noch versauen könnte, wenn es sich bei den drei noch folgenden Songs um Coverversionen von Frei.Wild-Songs handelt.

Da aber Frei.Wild keinen Song geschrieben haben, der „Extermination Order“ heißt, bin ich mir sicher, dass auch der nächste Song nichts mit der genannten Rechts…äh, ich meine natürlich Deutschrock-Band zu tun hat und bin zuversichtlich. Meine Zuversicht wird belohnt. Mit „Extermination Order“ gibt es nach den melodischen Hymnen den wohl straightesten und Hardcore-lastigsten Song der Scheibe. Der Song kann zwar nicht so stark mit Ohrwurm-Melodien glänzen, dafür aber mit groovigen Drums und tanzbaren Mosh-Parts, womit er sich neben den anderen Pit-Hymnen wie „The Weapon They Fear“ einreiht. Der Text des Songs behandelt den Völkermord an den Herero durch die Deutschen, welcher durch den Vernichtungsbefehl des preußischen Offiziers Lothar von Trotha ausgelöst wurde. Die Band macht also nicht nur gute Musik, sondern hat auch eine ausgewogene Bildung in Geschichte und Politik genossen, was ich für meinen Teil immer gerne sehe.

Im krassen Kontrast zu „Extermination Order“ folgt mit „A River Of Crimson“ der wohl harmonischste Song des Albums. Durch das schnelle Tempo und die hohen Gitarrenharmonien klingt der Song fast schon ein bisschen wie eine super wütende Version von Iron Maiden. An der Stelle eine sehr willkommene Abwechslung zum vorherigen Song und ein glaubhaftes Zeugnis des musikalischen Talents der Band. Nun folgt leider schon der letzte Song des Albums, das trotz seiner 58-minütigen Laufzeit sehr schnell vorbei ist, da es durchweg spannend bleibt. Binnen von Sekunden kommt mir das Intro-Riff des Songs erstaunlich bekannt vor. Ist das etwa..? Ja, tatsächlich handelt es sich um eine Coverversion von My Dying Brides „The Cry Of Mankind“. An dieser Stelle fällt mir noch eine weitere Möglichkeit ein, wie Heaven Shall Burn dem Album einen bitteren Beigeschmack verpassen könnten, nämlich indem sie ein schlechtes Cover meines liebsten Doom-Metal-Songs aufnehmen. Ich drücke also die Daumen, dass das nicht der Fall ist. Meine Daumen kann ich jedoch sehr schnell wieder getrost loslassen. Das Cover ist absolut grandios und ich möchte fast sagen noch besser als Undyings Coverversion des selben Songs auf ihrem Album „The Whispered Lies of Angels“. Chapeau, Heaven Shall Burn!

Heaven Shall Burn haben es geschafft ein Album aufzunehmen, das meiner Meinung nach durchweg gut ist und keinerlei Platzhalter beinhaltet. Jeder Song hat seine Höhepunkte und funktioniert im Zusammenhang des Albums vorzüglich. „Wanderer“ bietet großartige Melodien, tightes Drumming, eine einzigartige Stimme und gute Texte mit Gegenwartsbezug. Müsste ich einen Kritikpunkt nennen, wäre dies vielleicht die Produktion, die für meinen Geschmack einen kleinen Ticken zu Glatt ist, was aber an der Tatsache, dass „Wanderer“ nach meinen Maßstäben seit „Deaf To Our Prayers“ das beste Album der Band ist, nichts ändert. Die Platte wird im Hause Brachmann in nächster Zeit wohl öfter unter der Nadel des Plattenspielers liegen und am Ende des Jahres auch sehr sicher zwischen meinen Top-Releases zu finden sein.

TracklisteHeaven Shall Burn - Wanderer Cover

01. The Loss Of Fury
02. Bring The War Home
03. Passage Of The Crane
04. They Shall Not Pass
05. Downshifter
06. Prey To God
07. My Heart Is My Compass
08. Save Me
09. Corium
10. Extermination Order
11. A River Of Crimson
12. The Cry Of Mankind

Für weitere Informationen checkt:

http://www.facebook.com/officialheavenshallburn

http://www.heavenshallburn.com

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