Phantom Winter – Sundown Pleasures Review

Phantom Winter aus Würzburg. Dahinter stecken unter anderem Christof und Andreas, beide seinerzeit treibende Kräfte hinter Omega Massif.Ein Band, die jedem Liebhaber von instrumentellem Doom- und Post-Metal ein Begriff sein sollten. Nach dem Split der Band haben die Würzburger sich ziemlich flott mit drei weiteren Musikern zusammengetan und den Erstling namens „Wintercult“ eingezimmert. Das es sich bei der Truppe um mehr als nur ein Projekt handelt, wird dadurch untermauert, dass mit „Sundown Pleasures“ im September nun bereits die zweite Platt erscheint. Und weil sich so ein alibijournalistisches Gehabe, wie wir das hier an den Tag legen ja auch mal auszahlen darf, habe ich nun das Vergnügen mich bereits zwei Wochen vor dem Release auf Golden Antenna Records mit dem Nachfolgewerk auseinandersetzen zu dürfen. So ganz unvoreingenommen daran zu gehen, fällt mir nicht wirklich leicht – dazu aber später mehr. Also einfach mal die Anlage auf „aua, meine Ohren“ drehen und gucken, was passiert.

Phantom Winter
Phantom Winter

Schon der Opener und Titeltrack erwischt mich kalt. Bevor ich meinen Arsch am Sofa platzieren kann, um mich den in meiner Erwartungshaltung fest manifestierten Klängen eines instrumentalen Monoliths hinzugeben, werde ich zumindest kurzfristig überrascht. Der Song startet nämlich ziemlich symbolträchtig direkt mit genau der musikalischen Zutat, die für Omega Massif früher niemals ein Thema war. Aus dem Off ertönen garstige Schreie, welche die gewohnt laut wummernden, sonst so gandenlos über allem trumpfenden Gitarrenwände und die mantrischen Drums in den Hintergrund drängen. Auch wenn die typische, schleppende Rhythmik immer noch das Fundament bildet, nehmen die Vocals hier von der ersten Sekunde an nicht nur einen wichtigen Platz im Sound ein, sondern beherrschen das Klangbild sogar regelrecht. Kein Wunder, schließlich brüllen, keifen und leiden da gleich zwei Leute abwechselnd ins Mikrofon. Das wirkt zwangsläufig viel lärmender und chaotischer, als alles, was die Jungs zuvor mit Omega Massif produziert haben. Phantom Winter streuen im weiteren Verlauf des Stückes außerdem eine gehörige Portion mit Shoegaze versetzten Black Metal ein, der an die weniger blastbeat-lastigen Momente von Bands wie Deafheaven oder Downfall Of Gaia erinnert. Zur Mitte hin wird der Song dann wiederum mit einem auf das Nötigste reduziertem Gitarrenintermezzo gebrochen. Das klingt gleichermaßen spartanisch, hypnotisch und atmosphärisch. Chapeau! – das kann einfach keiner besser. Statt Crescendo setzen die Würzburger hier auf eine eher in Extremen ausufernde Laut/Leise-Dynamik und ziehen das Tempo nach und nach an, um die Soundlandschaft schließlich in einem sehr, sehr laut und wütend eruptierendem Schwall aus Lärm und Feedback zu begraben. Ok, das ging jetzt ganz geil los, muss ich sagen.

The Darkest Clan“ fängt dann ungefähr so an, wie mein Kleinhirn sich den Opener vorgestellt hätte. Langsam, bedächtig, irgendwie unheilvoll und paranoid. Trotz dem behutsamen Aufbau, macht mich das auf (un)angenehme Art und Weise erschöpft und nervös gleichzeitig. Quasi der Soundtrack zur Schlafparalyse. Bitte raus aus meinem Kopf, Phantom Winter! Danke! Erinnert mich vom Feeling her ein bisschen an das Lords Of Salem Theme (das ist dieser eine von ex-Marilyn Manson-Gitarrist John 5 vertonte Rob Zombie Film, der gar nicht so übel ist). Irgendwann gesellen sich garstige Schreie, jede Menge Echo/Delay und mit mir unbekannten Effekten aus dem Tretminen-Arsenal verzerrte Gitarren dazu. Der Song steigert sich immer mehr ohne auch nur ansatzweise mal zum Punkt zu kommen oder das Gaspedal auf Anschlag durchzutreten. Das hat etwas sehr zermürbendes. Das Arrangement passt wunderbar zur Stimmung . Folgerichtig wird das Stück dann auch kurz vor dem mutmaßlichen Höhepunkt von Jetzt auf Gleich wieder in eine bedrohliche, lediglich von akzentuiert gesetzten Drums unterlegte Stille zurückgeführt. Gruselig. Und effektiv. Zwischen all dem wütenden Lärm, der das zweite Drittel des Songs bestimmt, verstecken sich außerdem einige dezent eingewobene Gitarrenharmonien. Hat bei mir schon beim ersten Mal gezündet, ist aber mit Sicherheit sogar noch ein Grower.

Den nächsten Song namens „Bombing The Witches“ gab es schon vorab als Appetizer und Video. Der Song ist ziemlich kompakt und hart, reißt mich aber persönlich nicht so vom Hocker, weil er dann trotz der gewohnt atmosphärischen Gitarren doch etwas vor sich hindümpelt. Durchaus solide und cool, für mich aber kein Höhepunkt.

Ganz anders verhält es sich da mit dem sehr bedrohlich inszeniertem „Wraith War“. Der Song lebt von einem fast schon primitiv-mantrischem Rhythmus, der sich durch den gesamten Song zieht und bisweilen sogar zum Haare schütteln animiert. Hier gefällt mir der wechselnde Gesang besonders gut, weil er sich optimal in das Klangbild einfügt. Der knapp viereinhalb-minütige Song bietet zwar wenig Dynamik und Abwechslung, trifft aber direkt ins Mark.

Das folgende „Black Hole Scum“ markiert den musikalisch am wenigsten zugänglichen Part der Platte. Das sind einfach fast sieben Minuten düster-dystopische Drone-Klanglandschaften ohne musikalische Struktur. Nur was für die ganzen Hartgesottenen, würd ich sagen. Stimmungsvoll ist das alle mal. Der Track hat sich damit auch seinen Platz auf der Platte verdient und sorgt für die etwas andere Art von Ruhepol. Schlafparalyse Part II. Sollten labile Personen bitte nicht zum einschlafen hören.

Black Space“ markiert dann auch schon den Abschluss der Platte. Das schleppende Tempo, die versteckten Gitarrenharmonien und der kontinuierliche Aufbau erinnern hier wieder mehr an das, was Omega Massif seinerzeit ausgezeichnet hat. Hier finde ich den Gesang persönlich ein bisschen zu aufdringlich. Die ruhigen instrumentalen Passagen überzeugen dafür doppelt und punkten mit einer wunderschön aufs Wesentliche reduzierten Rhythmusarbeit, sehr prägnanten Gitarren und der richtigen Dosierung Schwermut. Dazu kann man dann noch ein bisschen transzendieren und die doom-versiffte Seele baumeln lassen. Der Song schleppt sich zäh, aber eben auch irgendwie leichtfüßig und filigran durch die ersten sechseinhalb Minuten, fährt dann die auf Anschlag gedrehte Lautstärke fast auf Null runter und mündet in ein von atmosphärischen Gitarrenklängen begleitetes Post-Rock-Thema,. Der Zuhörer wird hier in eine liebevoll gestaltete Klangkulisse gehüllt, die erst gegen Ende noch einmal an Dynamik gewinnt, um das Phantom Winter Raumschiff aus dem Nirgendwo volle Suppe mit wuchtigen Drums, Gekreische und Chaos durch ein letztes musikalisches, schwarzes Loches ins endgültige Nirvana zu steuern. Definitiv ein würdiger Abschluss, der noch mal alle Register zieht.

Ok, was soll ich sagen. Ich habe das Ende von Omega Massif betrauert und tu das immer noch. Nur ein einziges Mal konnte ich die Band live sehen und durfte sogar die Bühne mit den Jungs teilen. Vielleicht steigert das irgendwann mal meine musikalische Street Cred, falls die Scene Points auch mal in der Welt des Post- und Doom-Metals zur offiziellen Währung ausgerufen werden. Whatever. Jemand – nennen wir ihn Holger – sagte mal, dass die Jungs vielleicht gar nicht wussten, was sie da für eine bedeutungsvolle musikalische Formation erschaffen haben. Mag sein. Trotzdem wird der Split seine Gründe gehabt haben. Und irgendwann ist auch mal gut. Jedenfalls habe ich vom Phantom Winter Debüt-Album seinerzeit nur einen Song gehört. Der hat mich nicht gepackt und fortan war dann für mich klar, dass es sich bei der Truppe um einen seichten „Omega Massif + Gesang“-Aufguss handelt. Das war dann eben vor allem auch von meiner eigenen Voreingenommenheit und gewissermaßen der Enttäuschung geprägt. Deswegen muss ich das an dieser Stelle auch revidieren. Und vielleicht auch ein bisschen ‘Tschuldigung sagen. Das war vorschnell, das war nicht fair. Phantom Winter schaffen es (noch) nicht mich ganz so zu packen, wie es Omega Massif damals taten. Aber dafür stellen Phantom Winter unter Beweis, dass sie nicht die eigene Vorgeschichte aufwärmen müssen, sondern durchaus etwas eigenes kreieren wollen. Die Band schafft es den selbst erfundenen monolithischen Doom mit neuen Einflüssen zu verbinden und damit ein Kunstprodukt erschaffen, dass mehr verdient hat, als im Schatten der eigenen Vergangenheit zu stehen. Der Gesang ist Geschmackssache und war auch für mich gewöhnungsbedürftig. Insgesamt hat das aber einfach was und transportiert jede Menge post-metallischen Zeitgeist ohne dabei langweilig zu sein. Nach wie vor haben die Jungs den Finger am Puls der Zeit ohne dabei in der Masse unterzugehen.

Leider, leider liegen der digitalen Presse-Version des Albums keine Texte bei. Das ist gerade deswegen schade, weil diese laut Aussage der Band einen hohen Stellenwert haben und politische Botschaften im Bezug auf Faschismus, Sklaverei und die Abgründe der modernen Welt transportieren. Lediglich der Text zu „Bombing The Witches“ ist mir bekannt. Es geht in dem Song um die Unterdrückung der Frauen am Beispiel der Hexenverbrennung. Ein starkes Bild, ein sehr wichtiges, relevantes und sicherlich viel zu selten von Metal-Bands behandeltes Thema – dafür beide Daumen hoch! Leider muss ich sagen, dass für mich zumindest bei diesem Song die sprachliche Ausführung der Lyrics nicht mit der musikalischen Klasse mithalten kann. Vielleicht liegt es daran, dass der Text im Kontrast zur Musik nicht all zu verschleiert, sondern eben ein bisschen direkter ist. Zumindest beim Lesen entmystifiziert das die musikalische Weltuntergangsstimmung ein bisschen. Ich hätte mir dazu persönlich wortgewaltigere, eher kryptische Textzeilen gewünscht. Das lässt sich aber mit einer starken und unmissverständlichen Message eher schwierig vereinen, nehme ich an. Wenn ihr die Platte habt, solltet ihr euch ein eigenes Bild davon machen und die Texte studieren. Selbiges gilt für die immer wieder eingestreuten Text-Samples, die noch detaillierter wiedergeben, worum es der Band geht. Da es sich weitesten Sinne um eine Konzept-Platte handelt, ist hier dann vermutlich eben auch das große Ganze entscheidend.

Was gibt es sonst noch zu sagen? Das Artwork ist schick und passend, die Produktion einmal mehr maßgeschneidert. Das kann die Tonmeisterei einfach. Auch hier fallen die sehr effektbeladenen und mit jede Menge Hall vollgepumpten Vocals etwas heraus und fordern die Geduld des Hörers. Im Kontext macht das aber durchaus Sinn.

Fazit: Viel Lärm, viel Wut, jede Menge Doom-, Post- und sogar Black Metal-Anleihen, vertonte apokalyptische Szenarien, dichte Atmosphäre, dezente Gitarrenmelodien, ein bisschen Drone, mal kompakt und mal episch. Das hört sich jetzt vielleicht zerfahren an, ist es aber nicht. Viel mehr stopfen Phantom Winter diese Komponenten wirklich liebevoll in die musikalische Presswurst und servieren das Ganze auf sehr hohem Niveau ansprechend mit Garnitur und so. Das Ergebnis schmeckt jedenfalls. Sterneküche? Fast zumindest. Bundesliga, mindestens auf einem Euro Liga Platz. Oder so. Wer auf Doom, Post-Metal und die dem Corpse-Paint und fragwürdigen Ideologien abschwörende dritte Generation atmosphärischer Schwarzmetall-Kapellen im Allgemeinen bzw. auf Bands wie Omega Massif, Cult Of Luna, Deafheaven oder Downfall Of Gaia im Speziellen steht, der sollte definitiv reinhören, und sich rechtzeitig zum Release eine Platte sichern! Wer mit vorgenannten Bands nichts anfangen kann, sollte trotzdem mutig sein und sich da einfach mal rantrauen, anstatt die hart erschuftete Kohle von der Maloche für die neue Five Finger Death Punch CD und ein Rock am Ring Ticket auszugeben. Ihr wisst schon. Traut euch!

TracklistPhantom Winter - Sundown Pleasures

01. Sundown Pleasures
02. The Darkest Clan
03. Bombing The Witches
04. Wraith War
05. Black Hole Scum
06. Black Space

Für weitere Informationen checkt:

www.facebook.com/wintercvlt
www.twitter.com/phantomwinter

comments