Piece – Selftitled Review

Berlin und Hardcore – das ist so ‘ne Sache. Zumindest von außen betrachtet. Ende der 90er hatte die Stadt mit Charley’s War, Disrespect, Shortage oder Devil Inside ‘ne Menge brettharter Bands am Start und auch in den frühen 2000er Jahren gab es einige, im Hardcore-Zeitgeist durchaus relevante Acts wie War From A Harlot’s Mouth, Make It Count oder Final Prayer, die in der Hauptstadt stationiert, aber über die Landesgrenzen hinaus aktiv waren. Dann ist gefühlt irgendwie Schluss. So richtig in mein Bewusstsein (und mein Herz) spielen, konnten sich jedenfalls nur noch die HC-Metal-Chaoten von Reborn To Conquer. Aber ok, ich wohn da ja auch nicht, was weiß ich schon?!

Seit geraumer Zeit weht jedenfalls definitiv wieder ein frischer Wind aus der Hauptstadt. Und dass Berliner Luft nicht nur in den Side-Cut-geschorenen Köppen des zugezogenen Millenial-Hipstertums scheppern kann, das beweisen neben den semi-offiziellen HC-Punk-Botschaftern von Ghetto Justice nun auch Bands wie Soulground oder eben Piece.

Piece

Letztere schwingen lieber die Metal-Axt, als Circle Pits auszurufen, rekrutieren sich aus Mitgliedern von u.a. Demonwomb, Trapjaw und Soulground, und legen mit dem namenlosen bzw. selbstbetitelten Debüt eine Platte vor, die es locker auf die Liste der heißesten Scheiben des Jahres schaffen wird.

Fünf Songs umfasst das von H.P. Lovecrafts Kurzgeschichte „Beyond The Wall of Sleep“ inspirierte Werk – und die machen richtig Spaß. Vom fulminanten Opener an feuern Piece mit angenehm fetten, aber doch rotzigen Sound Riff um Riff in eher moderat-zermürbendem Tempo aus dem Speaker und animieren dabei mehr zum Matte schütteln, als zum Kopf auf den Bordstein schlagen.

Ganz eindeutig haben hier die großartigen Crowbar und vor allen Dingen High On Fire Pate gestanden. Matt Pyke wäre jedenfalls stolz auf die Jungs und so manches Riff hätte die konstant oberkörperfreie Sludge-Ikone wohl gern selber geschrieben. Piece kreuzen tonnenschwere, stoneresque Doom-Sludge-Riffs mit rotzigem Gesang, großartigen, aber nie anbiedernden Melodien und harten Grooves. Und die Formel geht ziemlich gut auf. Der Hardcore-Einschlag wird zwar auf ein Minimum runtergeschraubt, dem Sound haftet aber trotzdem konstant dieser typische Schmutzfaktor an. Kein Part ist zu verschnörkelt oder wird unnötig ausgeschmückt – vielmehr gehen die durchweg drei bis vier Minuten langen Songs straight nach vorne und kommen immer zum Punkt.

Auch die dramatischsten Gitarrenharmonien treffen stets den richtigen Ton und wirken nie zu kitschig. Piece verzichten dabei nämlich auf unnötiges Geschnörkel und karren den ganzen, typischen, zu dick aufgetragenen Metal-Pathos-Ballast Richtung Sperrmüll. Das ist durchaus songdienlich und durchdacht. Akzente werden nur moderat gesetzt, z.B. durch den instrumentalen, von einem Spoken Word-Gastbeitrag unterlegten Rausschmeißer „The Bells Of Paradise“, der eine ganze Ecke epischer klingt und jede Menge Crowbar-Feeling transportiert. Ansonsten regieren große Riffs und die doch recht markanten Vocals, die den Hardcore-Charme nochmals unterstreichen.

Trotz all dem Meddl hatte ich schon beim ersten Durchlauf das Gefühl eine Hardcore-Band zu hören. Der Scenepoint-Soll ist also erfüllt und der Vibe stimmt einfach. Das klingt eher nach dem Ambiente von AZs und kleinen DIY-Clubs, als nach großen Hallen und Stadien. Szeneintern betrachtet würde ich Piece am ehesten irgendwo zwischen Dull Eyes, Trapjaw, Hang The Bastard und mittel-alten Brutality Will Prevail einordnen. Und weil fuzzy Gitarren-Riffs, (gekemperte) Orange-Amps und Stoner-Licks mittlerweile ja auch ihren Platz im Hardcore-Zeitgeist gefunden haben, sollte auch jeder, der sonst vielleicht eher auf erstklassig produzierten Kram wie Malevolence oder Twitching Tongues steht, ruhig mal reinhören und seinen musikalischen Horizont erweitern.

Aktuell gibt es das Debüt als kostenlosen Download auf Bandcamp, physikalisch als elegant-schlichtes DIY-Tape bei der Band oder als one-sided 12“ auf Soulwrecked Records in schwarz-weiß-marmoriert. Insbesondere letzte Variante hat ein wirklich schickes Artwork und wenn ihr ein bisschen Glück habt, ist die auf 100 Stück limitierte Variante mit „silkscreened b-side“ noch nicht ausverkauft.

Ich jedenfalls bin Fan! Berlin holt die Punkte!

Trackliste

01. The Infernal Kind
02. The Harmless Fool
03. The Dream Soul
04. The Brother Of Light
05. The Bells Of Paradise

Info + Stream

https://www.facebook.com/pieceismetal
http://soulwreckedrecords.tictail.com/product/piece-self-titled-one-sided-12

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