Primitive Man – Caustic Review

Primitive Man aus Denver sind nach dem überraschend starken 2013er Debüt „Scorn“, einem Haufen Splits und der „Home Is Where The Hatred Is“-EP zurück. Auch das zweite Langeisen erscheint auf Relapse Records – und die stehen in erster Linie für qualitativen Extrem-Metal. Gute Voraussetzungen also.

Primitive Man
Primitive Man

Los geht’s mit dem abgefahren wütenden „My Will“. Kein Geplänkel, kein Handschlag oder ne freundliche Begrüßung, nä – direkt die volle Suppe Apokalypsen-Doom mit Seeungeheuer-Vocals aus dem Sludge Metal-Ozean. Primitve Man machen das ultra-zäh und schleppend, aber dermaßen heavy, dass man versucht zu den Lava-Rhythmen irgendwie den Körper zu schütteln oder zumindest sein Erstgeborenes im Takt zu würgen.

„Victim“ is dann schon nen Zacken schneller und mit mächtigem Groove ausgestattet – das geht mir richtig gut rein und wirkt für Primitive Man-Verhältnisse fast schon eingängig. Ausflüge in Downtempo-Gefilde und gemäßigteren D-Beat gibt’s obendrauf, gute Laune war aber wohl leider aus. Richtig starker Song und mein Anspieltipp für Einsteiger! Zum Abschluss des ersten Viertels gibt’s dann den Titeltrack – der ist aber nicht viel mehr, als ne knappe halbe Minute Störgeräusche und Feedback. Quasi so was wie Vogelgezwitscher & Walgesänge für Soziopathen. Passt also gut ins Bild.

Seite B wird mit dem quälende Zwölfeinhalb Minuten langen „Commerce“ eröffnet. Spätestens jetzt ist das echt ne Herausforderung und die BPM-Zahl wird zwischenzeitlich gefühlt in den Minusbereich gedrosselt. Dazu kann man sich prima einen Löffel Heroin aufkochen oder im Darknet Sprengstoffgürtel und Zyankalikapseln bestellen. Was zunächst sehr stumpf klingt, ist unheimlich intensiv und atmosphärisch inszeniert. Jeder schiefe Ton, jede Rückkopplung und jedes übersteuerte Sample, das Primitive Man in den Klangkompott schmeißen, macht im Kontext nämlich durchaus Sinn. Das ist dann irgendwie auch schon eine physische Erfahrung. Musik an der Schmerzgrenze. Nur für hartgesottene, selbsterklärte Musikelitisten wie mich, denen alles, was ihr so hört ohnehin zu seicht und catchy ist.

Statt jetzt jeden Track weiter aufzudröseln, mach ich es kurz – es wird nämlich weder hoffnungsvoller, noch schwächer. „Ain’t no sunshine“-Mentalität auf absolutem Königsklassen-Niveau. Das Gesamtbild ist zwar sehr kompakt und überschaubar, langweilig wird es aber nicht, weil das Trio den trostlosen Downtempo-Klumpen immer wieder mit flottem Gedresche bricht oder drone-ähnliche Klangcollagen dazwischenschiebt – hier fällt insbesondere der beklemmend-paranoide Rausschmeißer „Absolutes“ aus dem Rahmen, der nach all dem Weltuntergangslärm vermeintlich „ruhigere“ Töne anschlägt und den Hörer zum Abschluss auf einen unheilvollen, musikalischen Pilztrip zwischen The Shining, Eraserhead und Poltergeist mitnimmt.

Caustic“ klingt intensive 75 Minuten lang wütend, verbittert, disharmonisch, laut und unbarmherzig. Mal sehr schleppend, mal mit mehr Groove oder Crust/Blastbeat-Anleihen. Die Vocals sind beängstigend fies, die Rhythmussektion sägt und holzt sich ultra-tight durch die zwölf Songs und das Songwriting ist mal knackig, mal brutal langwierig – aber immer auf den Punkt. Dazu kommt ein extrem fetter, drückender Sound, der die schmetternden Tiffrequenzriffs wunderschön in Szene setzt.

Neben der musikalischen Qualität, macht auch das Artwork der Gatefold-Doppel-LP durchaus was her. Insbesondere die sehr eigenwillig schwarz/weiß/grau-marmorierte Platte ist ein Hingucker. Einen kleinen Minuspunkt gibt es dafür, dass die Innenhüllen weiß anstatt misanthropisch-schwarz sind und ein Inlaysheet fehlt. Ordern könnt ihr das Teil auf Vinyl, CD oder Tape u.a. bei Relapse Records Europe.

Wer „Scorn“ schon krass fand, der sollte richtig Schiss vor „Caustic“ haben. Primitive Man toppen den Erstling meiner Meinung nach locker und servieren Jedem, der auf einen extrem bösartigen Bastard aus Xibalba, Eyehategod und The Abominable Iron Sloth abfährt und Bock auf eine klangliche Nahtoderfahrung zwischen Doom, Sludge und Death Metal hat, die Platte des Jahres. Alle anderen sind feige. Anspieltipps: „Victim“, „My Will“

TracklistePrimitive Man - Caustic

01. My Will
02. Victim
03. Caustic
04. Commerce
05. Tepid
06. Ash
07. Sterility
08. Sugar Hole
09. The Weight
10. Disfigured
11. Inevitable
12. Absolutes

Info & Stream

http://www.facebook.com/primitivemandoom

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