Still Ill – Building the Beast Review

Wir schreiben das Jahr 2016. Ölpreise sinken, Mieten steigen und Menschen sterben. Es ist ein Klima aus latenter Aggression, Homo- und Xenophobie sowie allgegenwärtiger, stumpfer Hetzer. Es fällt es schwer, dem Leid dieser Welt mit der nötigen Distanz zu begegnen. Und genau in diesen unheilschwangerwn Zeitgeist platzen Still Ill mit ihrer Debut LP „Building the Beast“.

Ende 2011 sah die Welt nicht wirklich besser aus, aber in Aachen entfachte in den Überresten von Kill this Dream, Sneak Attack und Papers Please eine kleine Flamme der (Nachwuchs-)Hoffnung für Hardcore aus dem Westend. Ziemlich punkig, ziemlich scheppernd und rotzig ging es noch auf der ersten Demo zu, welche zu viert in Originalbesetzung im heimischen Schuppen eingezockt wurde. Mit dem Nachfolge-Release, der Split mit On The Run (RIP) aus MG, blieben die Jungs zwar auf der Punk-Schiene, machten aber deutliche Sprünge in Sachen Qualität. Achja und „Sledge Hammer” wurde neu aufgenommen. SLEDGE HAMMER!

Still Ill Band

Mit Micha (Ex Look My Way) wurde 2012 die Gitarren-Front verstärkt und sein Einfluss beim Songwriting sollte sich sofort bemerkbar machen. Grooviger Hardcore mit Metal-Anleihen waren dann 2013 die Zutaten für die beiden Songs „Frozen Souls“ und „Lost all Faith“, ersterer inklusive einem Video vom allmighty Roughneck Media Showcase.

Zwei, beziehungsweise schon drei, Jahre nach den letzten Releases erreichte mich dann endlich ein neues, musikalisches Lebenszeichen der 5 Aachener in Form des Promo-Tapes zum Album, das über Rising Nemesis Records an den Start ging. Ein Video zu „The Greater Fool“ durfte natürlich auch nicht fehlen. Drei Mal dürft ihr raten, wer da mal wieder hinter der Kamera gestanden hat. Das Tape machte auf jeden Fall Lust auf mehr… auf mehr wovon?

Vor allem Finsternis. Aber keine Angst, so ein paar Lichtblicke wird es schon noch geben! Zum Beispiel beim Artwork der Gatefold 12“, die über Demons Run Amok vertrieben wird. Für die Zeichnung davon machte sich Devilreject ART verantwortlich. Micha von Optimist hat das Ganze dann noch extra finster arrangiert. Das Inlay kommt allerdings ohne Wortwitz aus und beinhaltet dankenswerter Weise auch nur die nötigsten Informationen. Im Zentrum des Artworks stehen Front und Innenteil, die jeweils im Stil von Tusche-Zeichnung illustriert wurden. Auf der Front präsentiert sich ein Mensch, dem Teufelshörner aus dem Kopf wachsen und der wohl gerade dabei ist zur besagten Bestie zu mutieren und der vitruvianische Mensch, gekreuzt mit einem Baphomet, auf dem Inlay visualisiert die vollständige Verwandlung. Würde wohl so auch als Metal-Scheibe durchgehen, wäre da nicht das fancy Bandfoto auf dem Textsheet und die verlautbarte Spielzeit von knapp über 30+ Minuten. Also nix mit Black Metal, das hier ist ein Hardcore-Konzept-Album. Also, Platte auf den Teller, den Merlot ins Glas, die Segelschuhe auf Halbmast und ab aufs Designer-Sofa.

Mit dem ersten Track auf dem Album fordern Still Ill auf jeden Fall schon mal den Intellekt ihrer Hörer heraus. Der heißt nämlich nicht Intro, sondern „Prologue“ und kommt ganz ohne Vocals aus. Und das mit dem Rotwein auf dem Designer-Sofa, das war auch geflunkert. Zum ersten Mal höre ich den Song nämlich im Gym und ich kann versichern, dieser Groove kickt besser als so mancher Pre-Workout-Booster aus tschechischen Hinterhöfen. Schon gefühlt hundert Mal auf Shows gehört, aber das besonders der stumpfe Moshpart am Ende löst immer noch Bewegungsdrang aus.

Gym und Mosh hin oder her – hier geht es schließlich ums Konzept! Und das wird folgend in vier Minuten sachlich von Markus und Kevin von Optimist als Gast vorgetragen. Als kleinen Übergang in das sozialkritische Referat gibt es noch ein sehr stimmungsvolles, gesprochenes Wort, das im heimischen Proberaum, Studio und Wellnesscenter eingesprochen wurde. „Building the Beast“ spannt den Bogen zwischen modernen Hardcore, brachialem Metal und eingängigen Melodieläufen. Kevins Stimme klang wahrscheinlich noch nie so passend in einem reinen Hardcore-Song und die Songstruktur stimmt auch. Die Probleme unserer Welt werden lyrisch auf einer abstrakten Ebene ausgebreitet, während aber schon das Individuum, das entgegen besserem Wissens und der Fähigkeit zum moralischen Handeln, selbst zum Wolf unter Wölfen werden kann. Die Message ist jetzt nicht gerade neu, aber immerhin auf den Punkt gebracht. Für mich wohl der stärkste Song der Scheibe.

The Greater Fool“ war schon in der gleichen Reihenfolge auf dem Promo-Tape vertreten, was den ersten Hördurchgang von „Building The Beast“ irgendwie deja-vu-artig empfinden lässt. Dieser Eindruck wird sich an weiteren Stellen noch wiederholen, aber dem dritten Song der Platte tut dies erstmal keinen Abbruch. FFO: grooviger Hardcore, mal schnell, mal Mid-Tempo.

Mit „Lost All Faith“ kehrt das deja vu wieder zurück. Im Gegensatz zur 2014-Version bekommt Mikrofonmann Markus hier Unterstützung von Lucas DONE. Das macht den Song beim ersten Hören schon interessanter und auch die hervorragende Produktion durch Parabol Audio  erfüllt an dieser Stelle ihren Zweck.

Game of Thrones-Fans dürfen sich dann auf ein kleines Skit vor „Violent Few“ freuen. Bei diesem Song kommt besonders in den Uptempo-Parts die ordentliche Metal-Anleihe durch, die aber durch die gekonnt platzierten Mosh-Parts immer wieder auf dem Boden der Tatsachen zurück geholt wird und dadurch nicht zu affektiert wirkt. Die Vocals zeigen sich hier variationsreich, wie auch auf dem Rest der Platte. Wobei hier vielleicht bei einigen Passagen weniger mehr gewesen wäre. Midtempo Shouts und der über die groovigen Passagen getragene Flow – des isses!

Still Ill Live

Among Thieves“ läutet die zweite Halbzeit auf der Platte ein, aber gibt keine Möglichkeit zum Verschnaufen. Originale Metal-Drums, die der Keuler hier als neuer Schlagzeuger auffährt. Zum Glück ohne dabei zu übermotiviert ans Werk zu gehen. Was als Hardcore-Song mit Eigeninterpretation des Ill Blood Vermächtnisses beginnt, erklärt im weiteren Verlauf, warum der komische Gitarrist öfters Mal in Led Zeppelin oder Pink Floyd Shirts ganze Backstage-Sofas für sich alleine im Beschlag nimmt. Für mich der Geheimtipp der Platte, auch wenn die Message am Ende nicht auf Captain Obvious hätte anfliegen müssen.

Wenn ihr euch wundert was aus Chris, dem Ex-Sänger von Mossat geworden ist: Der steht jetzt jeden Montag als Ein-Mann-Anti-Pegida-Demo in eurer Heimatstadt vor dem Rathaus und schreit Nazis an. Das könnte man jedenfalls meinen, wenn er sich auf dem zwei-Minuten-Klopper das Mikro in die Hand gibt. Richtig angepisst und wütend – so wie das sein muss bei dem Thema! Musikalisch auch eher mit der Tachonadel am Anschlag, wobei ein stumpfes Ende in bester belgischer Beatdown-Manier nochmal die Wurst vom Br… äh die Reichskriegsflagge vom NPD-Wagen zieht.

Bei „Frozen Souls“ schlägt dann für mich die Negative Seite eines deja-vu-Erlebnisses mit voller Wucht zu. Irgendwo doch schon mal gehört, aber hörte sich doch ganz anders an. Ja genau, 2013 schon mal gehört und richtig gefeiert. Natürlich wäre es naiv die heutige Produktion mit der von vor drei Jahren gegenüber zu stellen. Deshalb möchte ich den Song mit der Pizza Boston vergleichen. Früher mit Mandeln, dafür weniger Spinat. Klasse! Heute mehr Spinat, aber keine Mandeln. Zum Kotzen! So ist das leider auch mit „Frozen Souls“. Die Grundzutat ist die gleiche, allerdings hat sie mir mit Originalrezept besser geschmeckt.

Nachdem der Hauptgang so gut wie gegessen ist, steigt natürlich die Vorfreude auf die letzten beiden Songs als Dessert. Die omnivoren Chefs empfehlen „Minutes To Midnight“ und „Paradigm Shift“ auf Öcher Art. Beim ersten Blick auf die Karte freut sich der geneigte Hörer schon heimlich auf ein Gesangsspektal über fünf Oktaven in bester Iron Maiden Manier. Die schnellen Riffs zu beginnen lassen die Vorfreude auch kurz hochkochen, bevor Markus im zurückgenommenen Groove-Part dann doch auf Nummer Sicher geht. Dafür springt Fabio von Countdown zur Seite und es entsteht ein sehr harmonisches Duett, das von atmosphärischen Gitarren und nagelnden Drums getragen wird. Anstatt auf dem Höhepunkt einfach auszufaden folgt dann noch mal eine Stumpf-Runde, die nicht wirklich nötig gewesen wäre.

Für mich wäre da eigentlich auch der passende Schlusspunkt gewesen, aber mit „Paradigm Shift“ geht es quasi nochmal in die Verlängerung. Und die hat es sich! Zwischen knüppelharten Parts, die schwer nach Lifeless oder Hatebreed klingen, wird mit eingängigeren Passagen und Tempo-Wechseln die Gefahr der Monotonie abgewendet.

Also was bleibt über eine Platte zu sagen, die den Anspruch hat das gesamte Schaffen von Still Ill der letzten drei Jahre in sich zu vereinen? Auf jeden Fall, dass die Jungs ein Release abgeliefert haben, das sich nicht so einfach mit den Outputs anderer europäischer oder internationaler Bands vergleichen lässt. Leider sind Hits wie „Frozen Souls“ tatsächlich zwei Jahre zu spät auf Platte, allerdings ermöglichen „Minutes To Midnight“ oder „Paradigm Shift“ einen Blick in die Zukunft, die da noch warten könnte. Wichtig ist nur, dass der experimentelle Weg weiter ausgebaut wird und ausgetrampelte Pfade verlassen werden. Viele Songs wären auch ohne den obligatorischen Mosh- oder Two-Step-Part ausgekommen, wobei gleichzeitig nicht vergessen werden sollte, wo diese Songs funktionieren sollen – auf Hardcore Shows! Und eben dort gehört auch die Message der Platte als Konzept-Album hin. Wollt ihr weiter die Bestie füttern, die euch frisst oder gar selbst zu einer werden? Die Lösung für dieses Dilemma war schon vor „Building The Beast“ da, aber auf diesem Album müsst ihr nur genau hinhören, um die Möglichkeiten zur Verbesserung dieser Welt zu erkennen.

Freunde von Bands wie TUI, No Warning, Lifeless oder Hatebreed werden voll und ganz auf ihre Kosten kommen, wenn sie keine Angst vor Sludge- oder Death’n’Roll-Einflüssen a lá Twitching Tongues oder Zero Mentality haben. Für jedes europäische Kid ist die Platte sowie ein Pflichtkauf, da diese Band mit der Qualität ihrer Outputs, ihrer Live-Präsenz und den ausdrucksstarken Videos euren Support einfach verdient hat!

TracklistStill Ill - Building The Beast Cover

01. Prologue
02. Building The Beast (feat. Kevin Optimist)
03. The Greater Fool
04. Lost All Faith (feat. Lucas DONE)
05. Violent Few
06. Among Thieves
07. Primal Evil (feat. Chris Mossat)
08. Frozen Souls
09. Minutes To Midnight (feat. Fabio Countdown)
10. Paradigm Shift

Für weitere Informationen checkt:

http://www.facebook.com/stillillhc
http://www.instagram.com/still_ill_520
http://www.demonsrunamok.de

Pre-Order Vinyl/CD:

http://bit.ly/1XbYNls

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