Still Ill – Paradise Review

Another one bites the dust. Die street-credibilste Band Aachens sagt „Tschüß, Aue!“ und wirft in Form von „Paradise“ die letzten (veganen) Pfefferbeißer auf den subkulturellen Weber-Grill. Was unter Insidern, HC-Punk-Demografieforschern und alemannischen Szene-Experten schon über die letzten Monate hinweg prophezeit wurde, ist nun also endgültig traurige Gewissheit.

Das Hardcore-Deutschland, wie wir es kennen, verändert sich. Zumindest aus meinem persönlichen, pseudoelitären Blickwinkel. Von den Bands, die in den frühen 2000ern gestartet sind, ist kaum noch eine aktiv, und auch Vertretern der zweiten Welle (wie Still Ill) geht langsam die Puste aus. Da kann man schon mal ein Tränchen verdrücken. Tschüßi, Golden Era-Hardcore und 2000s Beatdown-Boom-Bap. Angeführt von den Sören-Maltes und Kilian-Jeromes der Republik schreitet die Impericonisierung des Hardcore-Abendlandes erbarmungslos voran. Aber so ist das halt. Früher war eben doch alles besser. Wenigstens darauf kann man sich noch verlassen, wenn man ein verbitterter alter Sack ist.

Still Ill - Paradise Cover
Still Ill – Paradise Cover

Was bleibt, ist die Erinnerung. Mit Still Ill-Sänger und Szeneikone Markus, der auch jungen Menschen vom investigativsten Piratensender der Postmoderne Kasten/Brenner ein Begriff sein sollte, habe ich schon Bacardi-Cola aus 5-Minuten-Terinen gesoffen und sein Elternhaus fast abgefackelt, als die meisten von euch noch Gilmore Girls geguckt haben.

Damals musste er noch mit dem Bus zum AZ-Plenum fahren, wenn Sneak Attack mal wieder auf die schwarze Liste der Antifa gesetzt wurden. Best of times quasi. Auch Still Ill begleiten mich jetzt schon seit den Tagen, als sie noch Victim In Pain-huldigende Sledgehammers durch die Clubs der Republik geschmettert haben. Eine etwas zerfahrene Split mit On The Run (R.I.P.²) auf Hard Coal Records (R.I.P.³), sowie jede Menge Shows, Proberaumtüfteleien und Lineup-Wechsel später, hat die Band mit zwei bärenstarken Singles und einer wirklich guten Platte dann auch mehr oder minder zielstrebig in die Spur gefunden.

Und dann ist aus heiterem Himmel Schluss. Vielleicht nicht der beste Zeitpunkt, um Lebewohl zu sagen. Aber da steckste nicht drin. Hardcore halt. Umso schöner, dass die Truppe es mit Hilfe von Injustice Records noch geschafft hat, den letzten musikalischen Atemzug auf Tape zu bannen. Wer sein Geld in etwas anlegen möchte, für das Typen wie ich im Rahmen ihrer Midlifecrisis in 10-20 Jahren das Weihnachtsgeld bzw. die angesparten Bitcoins am HC-Marketplace ausgeben, der sollte ruhig ohne reinzuhören zuschlagen. Der guten alten Zeiten zuliebe höre ich mir das aber trotzdem an.

Eröffnet wird die Farewell-EP gänzlich ohne kitschige Sentimentalitäten, dafür aber mit unheilvoll einfadenden Rückkopplungen, die sogar Todd Jones Freudentränen ins Gesicht treiben würden, wenn er so etwas wie Gefühle hätte. Und dann: Zack! Bumm! Überraschung! Still Ill mutieren eine Stufe auf der Metamorphosen-Leiter nach oben und machen jetzt düster-metallischen Hardcore, als hätten sie nie was anderes gespielt. Erst schnell, dann stampfend, vor allem aber konstant wütend und hart. Insbesondere die Gitarren klingen deutlich fieser, als auf „Building The Beast“. Auch die Vocals sind ne ganze Ecke giftiger, was mir unglaublich gut gefällt.

Die stilistische Kurskorrektur trifft den Hörer zunächst überraschend, wirkt im Gesamtkontext dann aber sogar irgendwie konsequent. Gerade da wo der konzeptionelle rote Faden auf der letzten Platte vielleicht nicht immer im Einklang mit der musikalischen Untermalung lag, klingt das nun wirklich nach Weltuntergang und den Schattenseiten der menschlichen Spezies. Und ganz nebenbei ballert das auch ganz ordentlich. Im Mittelteil hauen die Jungs sogar ein paar schicke Metal-Harmonien raus. Chapeau. „Return To Dust“ geht wahnsinnig gut nach vorne und kommt im Gegensatz zu manch einer Komposition auf der letzten Platte schnörkellos zum Punkt. Geil.

Spätestens nach den ersten Takten vom philosophisch betitelten „The Path To Paradise (Ends In Hell)“ ist dann auch schon klar, dass der Opener kein Ausreißer war, sondern vielmehr die Marschroute dieser EP vorgibt. Insgesamt bockt mich der Song nach dem furiosen Start dann aber trotzdem nicht ganz so. Gerade ab der Mitte passiert nicht mehr so viel Spannendes und die Wirkung verpufft etwas. Hätte mir als 1:50 lange Granate deutlich besser gefallen!

„Pipe Dreams“ kommt mit coolen Klampfen daher und klingt gerade am Anfang sehr eigenständig und groovig. Der Song rutscht dann nochmal in solides Highspeed-Gedresche und liefert die vom Opener bekannten Zutaten mit ein paar coolen rhythmischen Spielereien und Tempovariationen. Gerade weil Still Ill sich hier nicht scheuen den abschließenden All Out War-Mosh-Part ruhig mal stumpf auszuspielen, wirkt der Song erfreulich kompakt.

Weiter geht’s wieder direkt auffe Zwölf. Unnötiger Ballast wird beiseitegeschoben, dafür wird pfeilschnell losgekloppt. Der 2-Step macht Bock Leute tanzend den Stiefeldolch in die Leber zu stoßen oder mit 120 durch den verkehrsberuhigten Bereich zu brettern, in dem die Scheißnachbarskinder immer mitten auf der Scheißstraße Scheißfußball spielen. Das hat was beschwingt-negatives irgendwie. Und das Ende walzt auch. „Rhythm Of Fear“ kriegt wieder 100 Punkte dafür, dass hier nicht groß rumgekaspert wird und der Song sich auf das Wesentliche reduziert.

(C) Mo Lux Imago
(C) Mo Lux Imago

Auch wenn erst elf Minütchen rum sind, is dann auch schon Zeit für den Rausschmeißer „Born Into Sin“, der das bisher Gehörte nochmal gut zusammenfasst. Metalmoshender Anfang, dann Uptempo-Gedresche, paar Melodien und ein harter Break. Insbesondere die schnellen Parts der Songs wirken zugegeben sehr gleichförmig, das hilft aber auch eine Schnittmenge zu finden und macht das Endprodukt schön homogen. Die Schwedenharmonien im Mittelteil find ich hier besonders geil, die SingSang-Vocals gegen Ende sind dagegen nicht so meins. Auf einen Schlag ist dann Schluss, aus, zappenduster. Lediglich ein paar Störgeräusche begleiten Team Aachen und den Hörer in die ewigen Jagdgründe. Fin.

Erkenntnisse? 1. Gefällt mir das echt so richtig gut! 2. „No Warning trifft alte Hatebreed“-Mosh war gestern. Still Ill wollen nochmal ein bisschen mehr Meddl machen, bevor sie sich in die Kiste legen und erinnern auf „Paradise“ deutlich mehr an Euro-HC-Vertreter im Stile von Ablaze und Countdown bzw. die entsprechenden Vorbilder. Aber auch wenn man streckenweise das Gefühl hat, es sei eine andere Band im Player gelandet, findet der aufmerksame Hörer immer wieder Zutaten der „Building The Beast“-Ära in der garstigen Soundsuppe wieder. Still Ill übertreiben die HC-Metal-Huldigung also nicht und halten dann doch eine musikalische Armlänge Abstand zu Bands wie Arkangel oder All Out War. Die größte Stärke der Platte ist für mich neben dem gefühlt potenzierten Hasslevel vor allem, dass die Songs schlanker und griffiger wirken, als auf dem Debütalbum.

Zum Artwork kann ich nicht viel sagen. Ein Tape wollte man mir nicht geben. Freunde können ja ruhig zahlen. Kein Ding, Markus. Sieht also bestimmt kacke aus. Zum Glück reißt die musikalische Qualität das locker raus. Auch der Sound pendelt sich im klanglichen Ying & Yang aus „fett“ und „schmutzig“ ziemlich gut in der Mitte ein. Die EP klingt sehr direkt und roh, aber gerade noch differenziert genug, um klanglichen Raum für Ride-Becken-Gebimmel, jaulende Gitarren, dezente Melodien und andere Finessen außerhalb des „Gain + Zerre“-Soundkosmos zu lassen. Drückt und scheppert, würde man im Straßenjargon sagen. Ach ja, und Texte gibt’s auch. Die zeichnen auch anderthalb Jahre nach „Building The Beast“ kein positiveres Weltbild und skizzieren ein Kopfkino zwischen postapokalyptischer Gesellschaftskritik und dem Struggle mit den inneren Dämonen. Wenn ihr richtig viel richtig kacke findet, dann sprechen Still Ill euch also weiterhin aus dem Herzen.

(C) Mo Lux Imago
(C) Mo Lux Imago

So ein unverhofftes, musikalisches Lebewohl abschließend zu bewerten, ist natürlich immer schwierig. Markus hat vorab schon bescheiden wie immer proklamiert, dass auf der Paradise-EP, die besten Songs enthalten sind, die Still Ill je geschrieben haben. Na gut, Markus hat auch mal gesagt „Hau mir auf die Fresse! Hau mir auf die Fresse! Wer will mir auf die Fresse hauen?!“. Aber wie auch immer. Ich muss ihm zumindest bedingt zustimmen. Mit etwas Feintuning und Zeit hätte man um das Material herum ganz sicher eine beeindruckende Full-Length basteln können. So ein Hybrid mit der Qualität und dem Wut-Faktor von „Return To Dust“, dem No Warning-Groove von „Frozen Souls“ und dem Hitcharakter von „Lost All Faith“ – das wär’s gewesen! Next level und so. Schade drum. Was bleibt, ist eine richtig gute EP, die vermuten lässt, dass das Potenzial noch lange nicht ausgeschöpft gewesen wäre, dafür aber auch hoffentlich umso häufiger in der ein oder anderen Spotify-Playlist in Schleife rotieren wird.

So geht ihr wenigstens mit erhobenem Haupt und einem starken Release, Brudis. Ich werde euch vermissen </3

Tracklist

1. Return To Dust
2. The Path To Paradise (Ends In Hell)
3. Pipe Dreams
4. Rhythm Of Fear
5. Born Into Sin

Stream & Info

http://www.facebook.com/stillillhc

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