Eure Lieblingscollection #1

Nico Finger ist 35 Jahre alt, kommt aus Zwickau und ist seit 1994 in der Szene unterwegs. Seit 1995 lebt er Straight-Edge und mittlerweile seit über 15 Jahren vegetarisch. Nico arbeitet im kaufmännisch-technischen Bereich und hört am liebsten Holy Terror- oder H8000-beeinflusste Musik.

INTEGRITY

Throwback 1994: Wohin mit den coolen Kids in den Mid-90s? Aus den Radios ätzte Langeweile und in den Discos gab es grauenvollen Eurodance oder lahmen R’N’B-Hip-Hop. Hm, Metal? Ja, musikalisch ganz gängig, aber objektiv betrachtet dann doch eine ziemliche Freakshow, nichts mit dem ich mich idendifizieren konnte. Punk? No-Konzept war ebenfalls weniger mein Konzept. “Hey, hör dir das mal an”. Ein Selfmade-Tape in meinen Händen, der Schlüssel in den Underground! Seite 1: Biohazard – “State Of World Adress”. Seite 2: Madball – “Set It Off”. Ok, die Led Zeppelin-Kassette raus und ab damit in den Walkman. What a blast (trotz damals üblicher Dritt-Kopie-Qualität)! Gehörtes veränderte mein Leben. Diese Power, diese Leidenschaft, diese Energie, von allen bevorzugten Stilen das Beste – und doch irgendwie ganz anders. Einfach ungestüm genau auf den Punkt und das Richtige für einen jungen, wilden Geist.

Ich war sofort im Rausch und brauchte mehr. Weiterbildung anno dazumal – und ohne Internet – lief via Mailorder-Katalogen, Album-Dankes-/Grußlisten, Mundpropaganda, Musikzeitschriften und Fanzines. Über andere “Mainstream”-Hardcore-Bands, wie Life Of Agony oder Sick Of It All, kam ich schnell ins Lost And Found– und Victory Records-Rooster. Victory war eine Macht seinerzeit (seinerzeit!), da konnte man einfach alles anhören. Ein (späterer) Klassiker folgte dem nächsten und im Glanzjahr 1995 einer der Meilensteine der Hardcore-Geschichte. Ein Album, das ein neues Subgenre, metallischen Hardcore / Metalcore, maßgeblich definierte und nachhaltig prägte …”Systems Overload“. Ich kannte Integrity schon vom “Victory: The Early Singles 1989-1992”-Sampler, und da sie nach Erscheinen in aller Munde war, bestellte ich mir die Scheibe – bestellte mir diese Offenbarung. Eine in Töne gepresste Apokalypse. Brutal, düster, negativ, wütend, bösartig, ungeschliffen, hoffnungslos. Das war für mich der Klang der Realität, ein Sound, der völlig fesselte. Nichts gegen Positive-(Youth)-Crew-Power, aber “The Dark Side Of Hardcore” war und ist für mich wesentlich spannender, tiefschichtiger und musikalisch anspruchsvoller. Die meisten Combos lassen sich irgendwie beschreiben, “metallisch”, “Old School”, “New School”, “New York Style”, und so weiter und so weiter, aber nicht Integrity.

Integrity klingt wie Integrity – und (der musikalische Ritterschlag) andere Bands klingen wie Integrity, oder besser gesagt, sie wollen es. Aber diese Gruppe ist mehr als Noten und Akkorde, sie ist eine Art Genre-Institution. Sowas lässt sich nicht so einfach kopieren. Und wieder diese Schnittmengen-Besonderheit, die mich in Sachen Musik besonders anspricht. Integrity vereint alles, was Hardcore mit seinen verschiedenen Facetten zu bieten hat. Ok, vielleicht mit Ausnahme von Positive Mental Attitude und irgendwelchen HipHop-Anleihen. Was macht mich aber zu einem echten Anhänger? Nicht das wahnhafte Sammeln jeder Scheibe, jedes Stofffetzens, obwohl sich die Quantität natürlich über die Jahre immens vergrößert, einfach weil die Qualität gleich geblieben ist. Auch nicht das Auswendiglernen sämtlicher Texte, nicht das Hinterherreisen auf jede Sonstwo-Show waren und sind der Ausdruck meiner Fan-Liebe. Und etwaigen Mutmaßungen entgegen, auch keine Sicko-Hirnwäsche durch Dwids (Sänger und Mastermind) spezieller Gedankenwelt. Nein, es sind die besondere Art von (Glücks-)Gefühlen, die ausgelöst werden, wenn einer der Songs spielt – und das konstant seit 20 Jahren. Bands, Styles, Freunde, Frauen und Lebensjahre kamen und gingen, aber Integrity war immer an meiner Seite. Und ich schätze einfach jedes Release, egal ob anerkannte Classics wie “Humanity Is The Devil” oder viel gescholtene Werke wie die samhaineske “Closure”. Nicht zuletzt eben durch die ständige Modifizierung des Soundgrundkonzepts gab es keinerlei Verschleiß. Zur Integrity-Philosophy, falls es eine solche überhaupt jemals wirklich gab, kann jeder stehen wie man will, aber die Band hat im Gegensatz zu 90% aller anderen Bands wenigstens eine Art unverwechselbare Identität. In Ton, Wort und allem Drumherum. Nicht die populärste, denn in dem Maße in dem Dwids musikalisches Talent Integrity zum Kultobjekt machte, limitierte sein schwieriger Charakter wiederum den Erfolg und machte die Band eher berüchtigt statt berühmt. Aber das ist nur bedingt ein Manko. Nicht zuletzt mag ich die Band dafür, dass nicht jedes Hardcore New-Kid etwas damit anfangen kann. Irgendwas muss die Spreu schließlich vom Weizen trennen…

Nico's Sammlung

Nico Finger

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