Marcel Ströter – Interview

Gestern noch ein Review über Tiger Crew, heute ein Interview mit der eisernen Stimme des Niederrheins. Wir hatten die Gelegenheit Marcel ein paar Fragen über seine aktuellen, vergangenen und kommenden Projekte zu stellen.

Hey Marcel, vorab schon einmal danke für die Zeit. Bitte stell dich kurz vor und verrate uns, woher man dich kennen könnte.

Hi Jan, meine Name ist Marcel Ströter und am ehesten könnte man mich in diesem Zusammenhang daher kennen, dass ich in den letzten Jahren in diversen Bands gespielt hab, Ende der 90er regelmässig Sunday Matinees und Shows veranstaltet hab, Teil des D.I.Y. Labels Deadsoil Records war und das auf drei Ausgaben extra limitierte und extrem rare Zine Somber Bridges rausgebracht hab.

Weißt du noch wie du zum Hardcore gekommen bist und was deine erste Show war?

Mir gefiel immer der rotzige, reale Sound von Punkbands, aber auch der aggressive Vibe von Thrash- und Death-Metal Bands. Irgendwie waren dann Biohazard, Cro-Mags, Charleys War oder Judge nochmal was neues, spannendes, wo musikalisch ne Menge Groove im Spiel war und Dinge thematisiert wurden, die mich angesprochen haben. Was die erste Hardcore Show angeht, war das glaub ich Prophecy Of Rage im City Center in Mönchengladbach ’94/’95. Kann ich aber nicht mehr genau sagen, das ist zu lange her.

Wenn man den Ruhrpott / Niederrhein Hardcore verfolgt hat, ist es unumgänglich eine deiner Bands zu kennen und man hat den Eindruck du und deine Stimme sind nicht tot zukriegen. Wann hat das alles bei dir angefangen, wie ist es dann weitergegangen und wie zum Teufel bekommt man so ein Stimmchen?

Um jetzt nicht zu weit auszuholen, war es irgendwann so, dass wir ein paar Leute in Viersen, Gladbach und Krefeld waren, die Bands hatten (Bleeding, Drift, Sermon Of Hate, Bloodstring, No Way Out, Settle The Score, Another Problem, etc), Mailorder oder Labels (Spill The Blood Rec. und Deadsoil Rec.) gemacht haben und zusammen auf Shows gefahren sind. Wir waren viel in Holland und Belgien unterwegs, weil zu der Zeit dort am meisten los war, haben uns connected und dann Bands und Leute rübergeholt, um bei uns zu spielen und andersherum lief es dann genauso. Born From Pain, No Turning Back, Out For Blood, Full Court Press, Crawlspace etc, waren alles Bands, die bis dato nie außerhalb ihrer Region gespielt haben und wir hatten mit z.B. der RKW in Viersen eine Location, wo wir einfach unser Ding machen konnten und es gemacht haben. Im Nachhinein betrachtet, hätten wir nie den Anstoss dazu bekommen, wenn uns nicht Leute, wie z.B. mein Kumpel Andreas (POR, Urban Rejects, The Sinner And The Saint Tattoo), schon Jahre vorher mit Shows für Bands wie Charleys War, Killing Time, Integrity, Ignite oder Madball gezeigt hätten, dass sowas auch bei uns in der Ecke möglich ist. Wir haben im Laufe der Zeit auch immer mehr Leute aus dem Pott kennengelernt, was den Kreis nochmal erweitert hat. So sind halt Verbindungen und Freundschaften entstanden, die seit 15+ Jahren Bestand haben. Ich persönlich hab nach dem Ende von Drift und Bloodstring und einer Auszeit, bei Deadsoil weitergemacht. Ich war allerdings nur bis zur ersten EP dabei. Daraufhin hab ich The Platoon ins Leben gerufen, Shows gespielt und ein paar Releases gemacht.

Ich hab mal gehört, dass du bei Born From Pain eine komplette Tour als Sänger ausgeholfen hast. Stimmt das?

Nein, das ist so nicht ganz richtig. Als Chè damals BFP verlassen hat, haben wir uns mit ein paar Kollegen den Job geteilt, da die ganzen Shows gebucht waren und nicht gecancelt werden sollten. Ich hab ein paar Shows gespielt, aber ich glaub, auf der Tour von der Du sprichst, hat Scott Vogel gesungen.

Wenn man dich so auf der Bühne erlebt, erweckt es schnell den Eindruck, dass du eine ganze Menge Wut mit dir rumschleppst und du das Publikum das auch ganz gerne spüren lässt. Was bringt jemanden wie dich so richtig zum kochen?

Naja, man geht meiner Meinung nach zu Hardcore oder Metal Shows oder spielt in so einer Band um Dampf abzulassen. Das das Ganze auf Seiten der Band und des Publikums sehr physisch ist und eine eigene Dynamik entwickelt, macht halt den Unterschied zu einem ZZ Top Konzert. Im Grunde bin ich ein ganz entspannter Typ. Auf die Palme bringen mich eigentlich nur dumme und arrogante Leute oder wenn ich zuviel Nachrichten schaue.

Vor etlichen Jahren hast du mit Drift deine letzte Show im Julius Leber Haus gespielt. Die Band hat bis heute eine sehr große Fanbase, ein richtiger Ruhrpott Hardcore Mythos sozusagen. Was denkst du, macht diese Band so einzigartig und warum habt ihr euch damals eigentlich aufgelöst?

Mit diesen Mythen ist das ja immer so eine Sache, haha… aber ich freu mich natürlich, wenn mir heute nach über zehn Jahren Leute sagen, dass sie die “Stalkin’ Like Killers” Scheibe immer noch hören oder vielleicht auch zum ersten Mal entdeckt haben. Als Band haben wir einfach unser Ding gemacht, wir waren vier Typen mit verschiedenen musikalischen Einflüssen, haben das alles eingeschmolzen und in diese Form gegossen. Als unser Drummer und Bassist sich mehr und mehr um Ausbildung und Beruf kümmern wollten, haben wir dann irgendwann den Deckel drauf gemacht. Dom und ich waren der Meinung, dass es nicht mehr das Gleiche wäre, wenn wir jetzt andere Leute mit ins Boot holen würden, also haben wir’s lieber im Leber Haus nochmal mit allen krachen lassen. Man soll ja aufhören wenn’s am Besten ist.

Zu der Zeit war die Szene am Niederrhein und Umkreis ziemlich am beben, heute ist es besonders um Mönchengladbach und Viersen sehr ruhig geworden. Woran liegt es deiner Meinung, dass es so viel schwächer in den letzten Jahren geworden ist?

Im Großen und Ganzen liegt es bestimmt daran, dass die meisten Leute die Shows auf die Beine gestellt haben einfach älter geworden sind und sich um andere Dinge in ihrem Leben kümmern müssen und niemand nachgerückt ist, der damit weitergemacht hat.

Mit dem wachsenden Medien-Einfluss (Social Networks oder auch Musik-Plattformen) hat sich die Art wie Menschen Musik konsumieren verändert und Hardcore Kids sind da keine Ausnahme. Empfindest du das als durchweg positiv oder hast du dazu ein eher distanziertes Verhältnis und wünscht dir die “good old days” zurück?

Früher war es ja nicht besser, früher war es anders. Es war mit mehr Aufwand verbunden an Musik zu kommen, zu Shows zu fahren, mit Leuten zu connecten, etc. Wenn es einem einfach gemacht wird, leidet darunter zwangsläufig die Wertschätzung der Sache und u.a. auch der Arbeit, die andere Leute da reinstecken. Es ist ein gewisses Mindset damit verbunden und wie Du schon in Deiner Frage formuliert hast: Gefühlt geht es heute mehr ums Konsumieren, was Musik, Lyrics und die ganze D.I.Y Kultur dahinter austauschbar macht. Die Möglichkeiten, die man als Musiker oder Band über eine Plattform wie Bandcamp oder Soundcloud hat, sind unbegrenzt und man geniesst damit einen hohen Grad an Autonomie, was super ist, aber man kann halt nicht alles in Bits und Bytes umwandeln.

Tiger Crew ist dein aktuellstes Projekt und mit dir ist auch noch ein weiteres The Platoon-Mitglied dabei. Bedeutet das auch gleichzeitig das Ende von The Platoon oder kann man da noch etwas erwarten?

Platoon liegt auf Eis und wird es bestimmt auch noch eine Zeit lang. Das hat aber weniger damit zu tun, dass Daniel bei Tiger Crew in die Saiten gegriffen hat, denn er war schon vor dem Release der “Birth To Box” 7″ (Save My Soul Rec.) nicht mehr dabei. Es liegt eher daran, dass wir alle mal einen Kurswechsel brauchten. David und Selim haben sich mehr um ihre andere Band Atomgott kümmern können, Marcel ist dann bei Look My Way eingestiegen und ich wollte mal mit einem anderen Sound arbeiten. Wir haben nie gesagt, dass wir nicht nochmal etwas neues schreiben oder Gigs spielen, momentan ist aber einfach nicht die Zeit dafür.

Ihr wart bereits im Studio und habt eine EP mit dem Namen “Omega Season” aufgenommen und Ende 2013 im Netz veröffentlicht. Kurze Zeit später hieß es, dass die Platte auf HardCoal Records erscheinen soll. Bleibt es dabei oder gab es eine Planänderung?

Das ist richtig, Omega Season ist schon eine Zeit lang über unser Bandcamp erhältlich. Ob Hardcoal jetzt noch das Vinyl macht, kann ich nicht wirklich beantworten. Timo hat glaub ich nicht mehr so viel Zeit sich darum zu kümmern, was aber alles kein Thema ist, denn wir sind keine Fulltime-Band und er macht ein D.I.Y Label. Am Ende des Tages, ist es ja auch immer eine finanzielle Frage.

Ist schon neues Material geplant oder war es das erst einmal von dir?

Sagen wir es so: Es gibt neues Material, aber es wird unter neuer Flagge gefahren. Tiger Crew war die Idee von 3 Typen, die sich zwischen dem 6. und 20. Bier entschieden haben ein Projekt zu machen. Es gab den Plan für’s Studio, aber mehr auch nicht. Nachdem dann alles irgendwann fertig war und auch ein paar Monate ins Land gezogen waren, haben Daniel und ich gemerkt, dass wir den Sound gerne weitermachen wollen und da es bei unserem Drummer Tommes zeitlich wegen Job und Family nicht mehr machbar war, haben wir jetzt ein neues Team an den Start gebracht. Aber irgendwie fanden wir es komisch unter dem alten Namen weiterzumachen, daher haben wir dem Kind jetzt einen Neuen gegeben: Prisonknife. Wer jetzt allerdings 25 Shirtdesigns, zwei Videos und eine Welttournee erwartet, den muss ich enttäuschen. Es bleibt weiterhin entspannt, aber wir arbeiten an Songs und versuchen auch ein Live Set auf die Beine zu stellen.

Bei lauter Gebrüll, vergisst man schnell, dass du die meisten Songs selber schreibst. Hast du auch schon mal über eine Karriere als Gitarrist nachgedacht oder kam das für dich nie in Frage?

Damals hab ich in Bloodstring Bass gespielt und hier und da mal Kollegen live ausgeholfen. Auch habe ich in Instant-Projekten wie Vatican Riots oder Fallin’ From Grace Gitarre gespielt, aber nie “aktiv”. Vielleicht wird sich das ändern, aber über ungelegte Eier spricht man nicht. Ich steh auf unterschiedliche Sounds und brauche momentan nicht die “eine Band”, mit der ich dann permanent live spiele oder auf Tour gehen kann etc., daher ist musikalisch alles offen, plus ich arbeite gern im Studio und schau zu wie Frankensteins Monster laufen lernt, haha.

Was macht man eigentlich mit so einer Stimme beruflich? Hörspiel-Erzähler?

Als Marktschreier hat man da glaub ich bessere Chancen, haha. Ich arbeite als freier Art Director, da hab ich eigentlich nichts von der sonoren Stimme, aber wer weiß was noch kommt. Das Leben bleibt spannend.

Abschließend noch einige kurze Fragen!

Wenn du einem Neuling fünf Platten empfehlen müsstest, welche wären das?

Integrity – “Those Who Fear Tomorrow”
Only Living Witness – “Prone Mortal Form”
Catharsis – “Choose Your Heaven”
Cro-Mags – “Best Wishes”
Cold As Life – “Born To Land Hard”

Beste Hardcore Show?

Jedesmal, wenn Chaos ausbricht, aber man immer noch das Gefühl hat, die Leute feiern zusammen.

All-Time-Favourite?

Gute Zeiten mit guten Freunden.

Reunion, welche Band?

Ich hab im Januar alles wichtige gesehen. Keine Reunions mehr bitte.

Welche Band(s) sollte man definitiv mal auschecken?

Es gibt viel gute und spannende Musik. Einfach mal übern Tellerrand gucken. Ich höre momentan weniger klassischen Hardcore Sound, aber dafür Bands wie
High On Fire, Masakari, The Secret, Shin To Shin, Hangmans Chair, Terminal Sound System oder einfach nur mal ne alte Ice-T Scheibe.

Die letzten Worte gehören dir!

Danke für euer Interesse, für Euer Zine weiterhin viel Erfolg und vielen Dank auch an die ganzen Leute und Promoter, die sich immer nach dem Status Quo der diversen Projekte erkundigen.

Jan Hoffmann

Für weitere Informationen checkt:

http://facebook.com/tigercrew999

http://facebook.com/theplatoon