Nasty – Shokka

Review #1 in Deutsch

FOR A SECOND REVIEW IN ENGLISH/GERMAN, PLEASE SCROLL DOWN!

Wenn eine Band wie Nasty ein neues Album ankündigen, versteht sich, dass viele Leute sehr gespannt auf das Resultat sind. Da mir das letzte Release „Love“ nicht wirklich gut gefallen hat, war ich zu Beginn skeptisch, hoffte jedoch heimlich auf eine Rückbesinnung in Richtung „Aggression“, was das erste Nasty Album war, mit dem ich im zarten Alter von 16 Jahren in Berührung kam. Denn im Schwabenland gilt: Was der Bauer nicht kennt, das frisst er nicht und alles was neu ist, ist erst mal doof. Deshalb war es für mich umso interessanter, vorab in das neue Release „Shokka“ reinzuhören zu dürfen.

„Shokka“ beginnt ohne große Einleitung direkt mit dem Titeltrack. Sofort drückt mir ein leicht veränderter, aber deutlich als Nasty identifizierbarer Sound um die Ohren. Nach dem ersten Hördurchgang ist es mir möglich, diese Unterschiede zu benennen: Nasty ist etwas schneller und metallischer geworden, etwas weg von dem, was gemeinhin als „Reflektoren-Schuhe-Sound“ bezeichnet werden kann. Dabei hat sich nicht zwangsweise die Schlagzahl erhöht, aber es fliegen jetzt vermehrt 16tel durch den Raum. Dieser Einfluss lässt sich sicherlich auf den neuen Bandmember Paddy von Fallbrawl zurückführen, der den Spinnenmann an der Gitarre ersetzt.

Während das Tempo deutlich hochgeht, werden die Songs eindeutig kürzer. Die durchschnittliche Songdauer beträgt nur etwa zwei Minuten, alles nach dem Motto „kurz und knackig“. Nach mehrmaligem Hören wird erst klar, wie gut das Release eigentlich ist. Produziert, gemixt und gemastert wurde erneut in den Pitchback Studios und Aljoscha hat eindeutig alles richtig gemacht. Alle Aufnahmen sind absolut hochwertig. Der Sound ist passend zum entwickelten Stil differenzierter und schärfer, was besonders in den neuen schnelleren Parts einem Matschen vorbeugt. Analog dazu ist die Stimme von Sänger Matthi noch einmal schneidender und gemeiner geworden. Das Mastering steht dem allem in nichts nach. Es wurden sehr viele Highlights, Focusshifts und ein allgemein sehr abwechslungsreicher 3D-Sound erzeugt. Dadurch bleibt die Platte lange im Ohr und auch nach vielen Hördurchgängen spannend. „Shokka“ ist eine Spitzenproduktion, wie sie in diesem Genre eigentlich nicht mehr verglichen werden kann.

Das Artwork der Scheibe erinnert an einen Anschlag auf eine schlechte 80er-Party: Neongelb und Magenta im Splashlook dominieren auf Hülle und dem Booklet, in dem sich alle Lyrics von „Shokka“ und einige witzige Bandfotos befinden. Beim Thema Lyrics hat sich auf den ersten Blick nicht viel getan, Matthi kreidet persönlich und wütend alles an, was ihm nicht passt, ohne dabei explizit politisch oder predigend zu werden. Thematisch spannen die Lyrics ein Dreieck zwischen dem Menschen als Übel der Welt und begründeter Systemablehnung, unintegerem Verhalten mancher Frauen und eindeutiger Ablehnung blonder Hilfspolizistinnen auf. Dazu gesellt sich sogar unerwarteterweise ein Song über verlorene Liebe. Interessant anzumerken ist, dass zwei der elf Songs komplett auf deutsch geschrieben sind.

An dieser Stelle zeigt sich auch die Abwechslung des neuen Releases: der Song über verlorene Liebe steht unter Anderem einem Fitness-Skit, auf dem ein superpunkiger Song mit Marcel von „Abfukk“ folgt, gegenüber. Dazu finden sich auf der Platte ein weiterer Skit und ein Interlude. Die Vinyl- und die Bonusedition kommt zusätzlich noch mit drei Livesongs der Band vom Summerblast 2014 daher. Ich verstehe generell den Sinn von Interludes und Livemitschnitten auf Releases nicht, aber warum soll man meckern wenn man mehr für sein Geld bekommt.

Dadurch, dass man die Band gefühlt jede Woche auf einer Show sehen kann, fallen Veränderungen im Lineup oder im Sound nicht so schnell auf, vielmehr manifestieren diese sich in einem Album und man ist erst mal verwundert, was sich alles getan hat. Trotz schwäbischer Kleinkarriertheit muss ich zugeben, dass sehr vieles richtig gemacht wurde, denn das Album ist einfach gut, egal ob man Nasty vorher kannte oder nicht. Gern wünscht man sich, dass eine Band in genau dem Stil verbleibt, in dem man sie kennen gelernt hat und das war bei mir asozialer Jogginghosenmosh. Letztendlich wurden meine Erwartungen an das Album nicht erfüllt, und ich bin froh darüber.

Unterm Strich zeigen Nasty mit „Shokka“, dass sie entschieden erwachsener und internationaler geworden sind, passend dazu, dass alle Member Nasty in Vollzeit betreiben. Trotzdem bleibt der jugendliche und freche Charme bestehen. Manchen mag die Entwicklung der Band nicht gefallen, ich finde sie jedoch gut und stimmig. Es ist auch unsinnig, fünf mal Kopien von „The Beginning“ herauszubringen, weil sich das einfach tothört. Wer jetzt meint, Nasty wird älter im Sinne von altersschwach, der irrt sich gewaltig. Zu einigen Songs hab ich gut Lust, meiner eigenen Oma ein paar gepfefferte Schellen um die Ohren zu klatschen. „Shokka“ ist sowohl auf dem heimischen Plattenspieler, als auch live absolut tauglich.

Mit diesem Release muss auch der Letzte anerkennen, dass Nasty an der Speerspitze des internationalen Hardcore angekommen ist. Für die Band gibt es momentan nur eine Richtung, und das ist vorwärts. Läuft bei euch!

Tracklist

1. Shokka
2. No
3. Phönix
4. Lying When They Love Us
5. The Heat
6. Real Talk
7. Skit
8. Fantasia
9. Rebel With A Cause
10. Skit
11. Politessenhass
12. Interlude
13. Irreversible
14. Fire
15. Outro

Lukas Arnhold

Für weitere Informationen checkt:

http://www.facebook.com/getnasty
http://www.beatdownhardwear.com

Review #2 in English

FÜR DIE DEUTSCHE FASSUNG DIESES REVIEWS BITTE SCROLLEN!

Belgium… au Hur!? To us, the people from Aachen, Belgium is not only the little ugly brother of the Netherlands. Instead, there are almost exclusively good things that we associate with the kingdom: getting fries with mayonnaise everywhere, cheap cigs and coffee in Hauset at the gas station, Lederland in Eupen and most important: Nasty from Kelmis! The four piece terrorbeatdownsquad brings us a new longplayer called „Shokka“. So what is actually shokking about it? Hopefully you’re going to know by the end of this review.

The titletrack is also the opening song on the album. You’ve probably already seen the video for this song. If not, you can find it at the end of this article. When first listening to the album, it seemed as if a circle would now close. I am not talking about a circle pit at a Nasty show, where the trendy Impericon mosh kid celebrates the same music as the “die hard” beatdownfan for the first time; it’s much more than that, it’s about the musical journey that Nasty began in 2004 in dreary mosh realms on local stages and that up to now found its peak on the stages of this world in 2014 – thanks to „Love“. Since their last release the line-up carousel spun again, Paddy of Fallbrawl replaced Spiderman on guitar.

He’s already shooting his sixteenths along way on „Shokka“ but especially in the second song his influence shines. Although „No“ brings the typical Nasty-Mosh and the obligatory pissed off attitude, I noticed a slightly increased metal influence in terms of melodies. Keeping Fallbrawls last EP in mind, we could have a guess where this comes from. The super tight double-bass part at the end of the song makes me suspect drummer Nash didn’t skip leg day recently, or that Aljoscha of the Pitchback studios did a really good job at reprogramming the drums. As you might know there were some slight difficulties recording the last album…

Speaking of Aljoscha! The sound on „Shokka“ is really dope! There is a strong foundation in the rythm and the guitars fit aggressively into the overall concept – just as Matthi does spitting his hatred. I’d even say that the new LP is produced a little cleaner than „Love“ was. My first personal highlight of the record comes from the song „Phönix“, where a very slow guitar riff creeps into the song underneath a double-bass rhythm. Since it’s so catchy, it eases right into your ears. The german lyrics talk about how you should never stop fighting, even when you’ve hit the floor. Fortunately they are not at all generic. „Phoenix“ turns into a nice midtempo-song, that does really well even without a „true“ breakdown. The short bangers you might know from the „Love“ LP are mostly gone, but with a playing time of a little over a minute, „The Heat“ is nevertheless pounding through the speakers, with a few crew shouts tossed in for a proper portion of hardcore influence. With its mosh sound and the guitar slides „Real Talk“ would have fit pretty well on the „Declaring War“ EP, but the message has become a lot more mature since 2006. There’s more important stuff in life than screwing and being screwed.

Fortunately, this time less skits were used, the first of which comes in around the 12 minute mark. In the second skit, the listener hears while Nash receives a parking ticket in front of the gym…again! „Politessenhass“ (german for: meter maid hate) is the song that follows. Now, of course one could look down on the guys for turning themselves the lawyer of the little man at the expense of another profession, but I don’t. “Was ist los hier, Aue? Politessenhass!” – great. By the way, there is a guest spot on the song from Marcel of Abfukk (german punk band). It’s awesome having a real punk doing a feature ranting about the state authority. This record really offers a lot, even a transition from childish to dead serious in a skit that features an acoustic guitar. Personally, I didn’t really get into that one… Moving along, the song „Irreversible“ shows where Nasty is really standing at the moment: Merciless relentlessness paired with sophisticated melody in the hook, without appearing hypocritical alongside lyrics that everyone can identify with. The closing song of the album starts with an outro that includes metal guitars you might recognize from the video to „Shokka“ where they show the new record at the end. The vinyl comes in flashy neon-yellow, pink, black and white making it look somewhat 90’s. I dig the artwork and also the inlay with an inverted color code. Inside the booklet you’ll find the lyrics and some photos. The limited digipack and the vinyl version comes with three live songs recorded at 2014s Summerblast festival. The sound quality on those is pretty poor, so there’s not much to mention about them.

„Shokka“ did not really „shokk“ me, but it definitely has its thrills. The new record has all the familiar highlights from Nastys work so far and has something to please everyone. No matter if they know Nasty since yesterday or have always been fans. The same hard and violent sound we’re used to but with a lot of potential for earworms and some unexpected elements on the second look. The lyrics are as authentic and pissed off as always and paired with a punk attitude, they emphasize that even after 11 years, Nasty has stayed true to themselves. So what’s going on, Aue?

Michael Breuer (translated by Simon Flender & Chris Colucci)

Review #2 in Deutsch

Belgien… au Hur!? Für uns Aachener ist Belgien nicht nur der kleine, hässliche Bruder von Holland, sondern wir verbinden fast ausschließlich gute Dinge mit dem Königreich: Überall Pommes mit Mayo, billig Kippen und Kaffe in Hauset an der Tanke, Lederland in Eupen und ganz wichtig: Nasty aus Kelmis! Das vierköpfige Terrorbeatdownkommando hat einen neuen Longplayer mit dem Namen „Shokka“ am Start und ob die Songs, die Texte oder das Artwork shokken, das werdet ihr hoffentlich am Ende dieses Reviews wissen.

Titeltrack ist gleichzeitig Opener und das Video dazu werden die meisten wohl gesehen haben. Was mir beim ersten Hören in den Sinn kam war, dass sich jetzt irgendwie der Kreis schließt – und damit meine ich nicht den Circle Pit auf einer Nasty Show, wo das Impericon-Mosh-Kid gemeinsam mit dem Die-Hard-Atzen ausnahmsweise mal die gleiche Mukke feiert. Vielmehr geht es um die musikalische Reise der Band, die 2004 in stumpfen Mosh-Gefilden auf lokalen Bühnen begonnen hat und ihren bisherigen Höhepunkt wohl im letzten Jahr auf den Bühnen dieser Welt fand – „Love“ sei Dank. Seit dem letzten Release hat sich aber auch wieder das Besetzungskarussel gedreht und Paddy von Fallbrawl ersetzt Spiderman an der Gitarre.

Schon bei „Shokka“ fliegen die 16tel, aber besonders im zweiten Song wird Paddys Einfluss erkennbar. „No“ trumpft zwar mit dem typischen Nasty-Mosh und der obligatorisch angepissten Attitude auf, aber irgendwie merkt man da doch ein wenig mehr Metal-Einfluss, was die Melodien angeht. Das kommt ja auch nicht von ungefähr, wenn man die letzte „Brotherhood EP“ von Fallbrawl anhört. Bei der supertighten Doublebass-Passage am Ende lässt sich übrigens erahnen, dass Drummer Nash in letzter Zeit keinen Leg Day geskipt hat, oder dass Aljoscha von den Pitchback Studios beim nachprogrammieren ganze Arbeit leistete. Es gab da ja bereits bei der letzten LP gewisse Differenzen…

Apropos Aljoscha! Der Sound auf „Shokka“ ist wirklich fett. Präzises Fundament, was den Rhythmus angeht und die Gitarren fügen sich aggressiv in das Gesamtgefüge ein – genauso wie Matthis Gerotze. Würde auch sagen, dass die neue Platte einen ticken cleaner produziert ist als es noch die „Love“ war. Mein erstes persönliches Highlight auf der Platte kommt dann mit „Phoenix“ ganz langsam in Form eines Gitarren-Riffs aus dem Off angeschwebt und wird dann mit einer Doublebass in den Song getragen. Das geht wirklich direkt ins Ohr und ist ziemlich catchy. Die deutschen Lyrics erzählen davon weiter zu kämpfen, wenn man auf dem Boden liegt und wirken dabei zum Glück weitestgehend unpathetisch. Schöner Midtempo-Song, der ohne „richtigen“ Breakdown auskommt. Die kurzen Knüppel-Songs, die man noch von der „Love“ kennt sind zwar weitestgehend verschwunden, aber „The Heat“ rast mit seiner Laufzeit von knapp über einer Minute trotzdem eher am Hörer vorbei. Durch die Crew-Shouts aber mit einer gehörigen Portion Hardcore-Einfluss. „Real Talk“ hätte musikalisch mit seinem Mosh-Sound und den Gitarren-Slides auch auf die „Declaring War“ gepasst, aber die Message ist deutlich erwachsener geworden. Gibt halt wichtigere Dinge im Leben als ficken und gefickt werden.

Zum Glück wurde diesmal sparsamer mit Skits umgegangen, aber nach rund 12 Minuten Spielzeit ist das erste ruhig mal drin. Beim zweiten Skit auf der Platte wird der Hörer Zeuge, wie Nash vor dem Gym mal wieder ein Knöllchen kassiert. „Politessenhass“ ist die Antwort. Jetzt könnte man den Jungs natürlich vorwerfen, dass sich die Band ganz plump auf Kosten einer Berufsgruppe als den Anwalt des kleinen Mannes inszeniert. Tue ich aber nicht, der Song ist einfach nur witzig! Was ist los hier, Aue? Politessenhass! Gefeaturet wird der Song übrigens von Marcel Abfukk – ist natürlich doppelt lustig `nen echten Punker dabei zu haben, wenn über die Staatsgewalt hergezogen wird. Von albern zu todernst im dem Interlude, wo eine Akkustik-Gitarre auf den Hörer wartet. Für meinen Geschmack wird die aber zum Ende hin immer gewöhnungsbedürftiger. Dafür kommt dann mit „Irreversible“ ein Song, der zeigt wofür Nasty im Moment steht: Gnadenlose Härte gepaart mit durchdachter Melodie in der Hook, ohne dabei aufgesetzt zu wirken. Dazu ein Text, mit dem sich wohl jeder Hörer identifizieren kann. Den Schluß der Platte bildet ein Outro, dessen Metalgitarren euch aus dem Video zu „Shokka“ bekannt sein sollten, wenn am Ende die Platte präsentiert wird. Neongelb mit Pink, Schwarz und Weiß und irgendwie 90er. Ich feier das Artwork und auch das Inlay mit der invertierten Farbgebung. Im Booklet lockern Lyrics und Bilder das Ganze auf. In der limitierten Digipack- und der Vinylversion gibt’s dann noch drei Live-Songs als Bonus vom letztjährigen Summerblast, die man sich in dieser Soundqualität auch hätte sparen können.

„Shokka“ hat mich jetzt nicht wirklich geshokkt, aber auf jeden Fall mitgerissen. Die neue Platte bietet einfach die Spitzen ausdem bisherigen Schaffen der Band. Gewohnt hart und brachial auf den ersten Blick, aber mit jeder Menge Ohrwurm-Potential und einigen unerwarteten Elementen. Lyrics so angepisst und authentisch wie immer, die aber auch unterstreichen, dass sich die Band treu geblieben ist.

Michael Breuer