Traces Of You – Deliverance Review

Obwohl die Band bereits seit 2006 unterwegs ist, habe ich Traces Of You nie wirklich auf dem Schirm gehabt. Zum ersten Mal habe ich sie im April 2014 am North Cote Festival in Dordrecht (NL) gesehen. Damals war ich nicht ganz so überzeugt, muss ich zugeben. Die vier verteilt in Holland, Italien und Deutschland lebenden Jungs klangen für mich zwar solide, aber einfach zu belanglos. Vermutlich habe ich aber auch nur mit einem Ohr zugehört. Nach nur einem Durchlauf der „Deliverance“ würde ich jedenfalls gerne einen Terminator in der Zeit zurückschicken, um mich selbst davon zu überzeugen, die Band im Auge zu behalten und auf die Frikandel in der zwielichtigen Imbissbude zu verzichten. Soviel dazu.

Traces Of You Band

Los geht’s mit „Pierce The Veil“. Schnell, tight eingezimmert und mit bretthartem Sound macht das schon Spaß, ist aber irgendwie dann doch wieder ein bisschen nach Schema F konzipiert und zu glatt. Der Fokus liegt also nach wie vor ganz klar auf schnellem, NYHC-beschwippstem Vollgas-Hardcore mit ‘ner Menge Moshappeal. Das klingt mal nach Madball, mal nach Terror oder No Turning Back. Spielerisch machen die Jungs das dann aber nicht nur souverän, sondern technisch quasi perfekt und anspruchsvoller arrangiert als 80% der Genrekollegen. Und das hat mich tatsächlich überrascht, vor allem, weil das hinhaut ohne nach Plastikhardcore zu klingen. Im Verlauf des Albums zeigen Traces Of You außerdem, dass sie durchaus in der Lage sind verdammt abwechslungsreiche Stücke zu schreiben. Bei „At Any Cost“ und „Downward Trend“ z.B. werden ein paar abgefahrene Harmonien, ne ordentliche Metalkante und ein paar walzende Doublebasspassagen eingestreut, die auch den schwermetall-affinen Kids ein breites Grinsen ins Gesicht zaubern sollten. Dieser Mix wird konsequent bis zum Ende durchgezogen. Ein paar feine Melodien streuen die Jungs dann quasi beiläufig ein – das klingt im fast schon hymnischen „Realization And Bliss“ z.B. besonders geil. Hört sich dann an, als würde irgendein super epischer Typ mit der olympischen Fackel auf einem brennenden Einhorn durch den Circlepit reiten. Hui.

Lyrisch beschweren sich die Jungs vor allem darüber, dass die Welt so kacke ist, der Mensch zu Ignoranz, Verrat und Selbstbeschiss neigt – natürlich mit der obligatorischen Power’n’Strength-Attitüde und einem Funken PMA. Zwischendurch werden in „X“ dann auch vorsichtig die Vorteile der Selbstfindung durch Schnapsentzug aufgezeigt. Das ist alles nicht neu oder sonderlich spannend, es passt aber, wirkt nicht all zu platt und darf ja auch durchaus als Stilmittel verstanden werden. Ach so: Breakdowns gibt’s auch und das Artwork weiß zu gefallen.

Was soll ich sonst noch sagen?! Das ist einfach ein schicker musikalischer Mix aus Hausmannskost und kulinarischer Finesse. Ich kann eigentlich wirklich nichts schlechtes über die Platte sagen. Und trotzdem – oder vielleicht gerade wegen den fehlenden Ecken und Kanten – fehlt mir dann doch noch das gewisse Etwas. Gerade beim zweiten Durchlauf des Langeisens verfliegt der Überraschungseffekt dann eben und die Songs schaffen es nicht mehr mich durchgehend zu fesseln. Objektiv betrachtet gibt es an „Deliverance“ aber wirklich gar nichts zu bemängeln und ich bin mir sicher, dass die Songs gerade live richtig Spaß machen. Ich ziehe jedenfalls meinen Hut vor der Band und diesem klasse inszeniertem Output. Ihr könnt die komplette Scheibe für umme auf Bandcamp hören und die CD via Swellcreek Rec. oder direkt bei der Band ordern. Einfach mal machen!

Traces Of You - Deliverance CoverTracklist

01. Pierce The Veil
02. At Any Cost
03. Downward Trend
04. We Can’t Be Defeated
05. Evolve!
06. Retaliation And Bliss
07. The Urgency
08. X
09. Never Surrender
10. Unbroken

Infos & Stream:
Traces Of You Bandcamp
Traces Of You Facebook