Twitching Tongues – Disharmony Review

Wütend, kitschig, geil, kacke, langweilig, einzigartig, überbewertet, überragend, anstrengend. Hypeband, Alleskönner, 90s-Rip-Off oder aber „die mit den guten Riffs und dem beschissenen Sänger“. Im Bezug auf Twitching Tongues aus LA hat man in den letzten fünf Jahren schon so ca. alles gehört. Ob die Wahrheit jetzt wie so oft irgendwo dazwischen liegt, kann ich ehrlich gesagt nicht unvoreingenommen oder objektiv bewerten. Fakt ist aber, dass eine Band per se schon mal interessant und keineswegs irrelevant ist, wenn sie so polarisiert.

Twitching Tongues

Im Jahr 2011 wurden Twitching Tongues als Anhängsel mit auf die Ruckus Euro Tour geschoben wurden und haben das Publikum mit ihrem eigenwilligen Sound vor allen Dingen irritiert. Toni von Beatdown Hardwear hat die Jungs danach unter seine Fittiche genommen und die erste Demo re-released. Heute, etwas mehr als vier Jahre später, erscheint das alles ziemlich weit weg. Die Band hat sich selber vom Hardcore-Geheimtipp zum Genre-Grenzgänger hochkatapultiert, jede Menge Shows & Tourneen in den Staaten & Europa gespielt und neben diversen Splits & 7-Inches mit „Sleep Therapy“ & „In Love There Is No Law“ außerdem zwei Langeisen veröffentlicht. Eine ganze Menge Output, vor allem weil die Jungs noch in etlichen anderen Projekten mitmisch(t)en (u.a. Nails, Disgrace, Ruckus, God’s Hate). Dass die neue Platte nun auf Metal Blade Records erscheint und kein anderer als Sean Martin (ex-Hatebreed) die Band an der Gitarre verstärkt, ist wahnwitzig und konsequent zugleich. Und genau diese merkwürdige Symbiose aus musikalischen „Aha!“ und „Was soll das?“-Momenten zieht sich auch durch das neueste Werk der Kalifornier.

Nach einer kurzen, von unheilvollen Pianoklängen getragenen Overtüre knallen Twitching Tongues dem eventuell noch nicht ganz darauf vorbereitetem Hörer im Titeltrack „Disharmony“ direkt einen Haufen harter Riffs vor den Latz. Das Stück wird von sehr gekonnt gesetzten Tempowechseln & Breaks durchzogen. Über allem thronen Colins Vocals. Ich weiß nicht, der Typ singt halt seit jeher irgendwie so, als hätte er ganz andere Musik auf den Kopfhörern. Dazu später mehr. Der Song steigert sich Part für Part, wird gefühlt immer härter und metallischer und erinnert dabei an… ziemlich viel. Slayer, Merauder, Hatebreed, Life Of Agony, einmal die gemischte Rifftüte mit (Dis)harmonien angereichert und volle Suppe um die Ohren gekloppt. Der Titeltrack verkörpert so ziemlich alles, was in den folgenden 45 Minuten auf den Hörer zukommt, nämlich eine gewaltige Lawine an allerlei Einflüssen aus all dem, was man im Hardcore- & Metal-Sektor in den 80ern und 90ern so mit elektrischen Gitarren fabrizieren konnte. So klingt „Insincerely Yours“ z.B. nach einem lupenreinen Bolt Thrower Song, der von Merauder oder Only Living Witness gezockt wird und zwischendurch kurzerhand in etwas prolligere Hardcore-Gefilde abdriftet. Bei „Asylum Avenue“ hört man gitarrentechnisch ganz viel 90s US-Death Metal heraus und bei Songs wie „Love Conquers None“ schalten die Jungs dann spontan einen Gang zurück und erinnern mit akustischen Gitarren und Chören wieder mehr an die älteren klassischen, herzschmerzenden Twitching Tongues Songs a la „Preacher Man“ oder „Loveless Nightmare“. “Insatiable Sin“ legt mit jede Menge Groove gepaarte gitarrentechnische Virtuosität und Songwritinganleihen an den Tag, die mich irgendwie an die neueren Werke von Machine Head erinnern, „Cannibal“ mutiert nach einem atmosphärischem, treibendem Intro zu einem Bastard aus Carnivore & Sick Of It All, „Sacrifice Me“ bleibt mit seinem gleichzeitig simplen & einprägsamen Zusammenspiel aus Drums, Bass & catchy Hooklines im Ohr kleben, das stimmungsvolle Interlude „Arrival“ erinnert ein wenig an Type O und für das Mainriff von „The End Of Love“ hat Trevor Peres von Obituary vermutlich den Ghostwriter gemacht. Zum Schluss wird mit dem 8-minütigem Epos „Cruci-Fiction“ dann noch mal die volle Ladung Pathos, Gefühlskirmes & Riffs inklusive einem erneut stark an Type O Negative erinnerndem Outro abgefeuert, damit dem durchschnittlichem Hardcorehörer die Kinnlade endgültig herunterklappt, während der geneigte Tech-Death/Progrock/Informatik-Student die Nase rümpft.

Nach einmaligem Hören dieser Platte stellt man sich so einige Fragen. Ist das jetzt stumpf oder komplex?! Aneinandergereihtes Riffrecycling oder musikalische Klasse?! Kann der singen oder nicht?! Warum liegt hier Stroh?! Frag mich nicht. Das wirkt hier und da konfus, aber es passt halt auch. Oder? Man kennt dieses Phänomen eher von jungen, wilden und unbeholfenen Punk- oder Metalbands, die nicht wissen, was sie machen, und genau deswegen einen gewissen Charme mit sich bringen. Bei Twitching Tongues ist das anders. Hier passt für mich eben dann doch jedes Riff, jeder Schlag & jeder mal mehr, mal weniger schief gesungene oder geschriene Ton ins Konzept. Nichts klingt ungewollt, aber eben auch nicht konstruiert. All diese unzähligen Facetten & Einflüsse ziehen sich dermaßen stringent durch die einzelnen Songs und werden so unkonventionell zusammengeschustert, dass dieser wüste Mix im Kontext dann einfach sehr konsequent wirkt. Ein roter Faden der musikalisch vertonten gemischten Gefühle quasi. Das sorgt dann auch gleichermaßen für Abwechslung und Konstanz. Textlich bleibt übrigens alles beim alten: Liebe, Tod, Verlust, Verzweiflung. Colin hat sein Herzblatt scheinbar noch nicht gefunden. Abgesehen von den lyrischen & musikalischen Trademarks gibt es in jedem der Songs eine Menge zu entdecken, gut, irritierend oder eben auch scheiße finden. Das ist halt Fisch und Fleisch gleichzeitig. Mit Kartoffeln. Und wat vom Chinamann oben drauf und saure Gurken und einer Kelle Strawberry Cheese Cake von Ben & Jerrys. Und ein bisschen vegan und generell glutenfrei, bio, fair trade, irgendwie aber auch ein bisschen Imbissbudenflair & Hausmannskost. Für jeden etwas, oder aber auch zu viel des Guten.

Twitching Tongues Live by Nate Zoeller

Im Großen und Ganzen hat dieser eigenwillige Mix die Band ja schon immer aus gemacht. Twitching Tongues klingen immer noch nach ganz viel 90s. Only Living Witness haben nicht umsonst Pate für den Namen der Band gestanden. Aber neben den naheliegenden Vergleichen zu Type O Negative, Merauder oder Life Of Agony bedient sich die Band mittlerweile an unzähligen weiteren Zutaten. Vor allen Dingen ist „Disharmony“ die bis dato härteste Platte der Band. Die Death Metal-Einflüsse, die sich bei den Gitarren immer wieder bemerkbar machen – und hier und da auch sehr gekonnt Atmosphäre & konventionelle Songstrukturen brechen – sind auf jeden Fall präsenter als bei den alten Platten der Band. Objektiv betrachtet steht also schon mal fest, dass das Songwriting & vor allem die spielerische Leistung wirklich in der ersten Liga spielen und die Band sich ihren Platz in den ersten Reihen des Metal Blade Rosters sicherlich zu recht erkämpft. Fuck, und der Sound ist halt einfach übertrieben fett. So gut klangen Twitching Tongues noch nie.

Trotzdem ist „Disharmony“ eine schwierige Platte und wird den Status eines unangefochtenen Meisterwerks sicherlich nicht so einfach erlangen können. Die Vielseitigkeit, der eigenwillige Mix und die gewöhnungsbedürftige Vocal-Performance (aus meiner Sicht die bisher beste Leistung von Colin, Hut ab!) sind gleichzeitig das große Plus und das größte Problem an diesem Album. Ich musste die Platte zweimal, vielleicht eher dreimal hören, um sie wirklich gut zu finden. Jetzt – beim gefühlten 20sten Durchlauf – zieht mir jeder einzelne Song einfach richtig die Schuhe aus. Für mich ist „Disharmony“ deswegen auch die bis dato beste Twitching Tongues Platte. Ich könnte jetzt davon anfangen, dass man sich darauf einlassen und seine Erwartungshaltung ablegen muss, um das Kunstwerk dahinter zu erkennen. Das ist ein Stück weit sicherlich auch richtig. Wem die Geduld fehlt, oder wer zu sehr den „Sleep Therapy“ Zeiten nachtrauert, der wird hier keinen Zugang finden. Trotzdem behaupte ich, dass es sich hier um eine dieser Platten handelt, bei denen es einfach „Klick“ macht – oder eben auch nicht. Und das bleibt am Ende dann vielleicht auch ein großes Mysterium und keine Wissenschaft. Immerhin reden wir hier immer noch von einer auf Groove & Riffs ausgelegten Scheibe in der Schnittmenge aus Hardcore & Metal, die durchaus auch bei nicht-Musikstudenten Anklang finden könnte. Keine musikalische Quantenphysik also.

Ich habe Kritiken gelesen, die das Album als stumpfes Sammelsurium von abgekupferten Riffs und Songfragmenten ohne zündende Ideen oder roten Faden beschreiben. Vielleicht habe ich eine andere Platte gehört. Vielleicht ist mir auch einfach nur egal, ob Twitching Tongues jetzt wirklich „nur“ unzählige Einflüsse verwursten und sich dezent bei den großen Vorbildern bedienen ohne etwas neues zu finden, oder aber, ob die Band tatsächlich frisch, anders, innovativ und „the next big thing“ ist. Unterm Strich interessiert mich das nämlich eher wenig und auch der Band wird das gemischte Echo sicherlich in die Karten spielen. Ich will auch gar nicht von diesem „Man liebt oder man hasst sie“-Bullshit anfangen. Ich glaube, es gibt auch jede Menge dazwischen. So manch ein Fan der ersten Stunde wird die Platte nun vielleicht enttäuschend oder nur „ganz cool“ finden. Das ist okay, das kann ich nachvollziehen. Trotzdem ist das immer noch zu 100% Twitching Tongues. Nur eben mit einem etwas frischerem Anstrich. „Disharmony“ ist das logische Ergebnis von fünf Jahren Live-Erfahrung und vielen Stunden Songwriting, Studio & Proberaum.

Abschließend bleibt mir noch zu sagen, dass das Artwork der Platte wieder mal nicht übermäßig viel kann. Das Cover ist (sicherlich bewusst) einfach ein bisschen zu kitschig. Das reißen die Zeichnungen in Booklet und Inlay aber immerhin ein wenig raus. Insbesondere das Bandfoto ist so nah an komplett kacke, dass man es schon wieder gut finden muss. Unterm Strich ist das dann also noch gerade so befriedigend, 3- und kann getrost abgenickt werden, würd ich sagen.

Die CD-Version enthält mit „Discriminate Me“ & „No Thank You“ zwei Bonustracks, die sich als Coversongs entpuppen. Nett anzuhören, mehr aber auch nicht. Vinylliebhaber können daher auf die Anschaffung der CD verzichten.

Insbesondere weil es einen komplett kostenlosen Stream auf der Bandcamp-Seite der Band gibt, kann ich jedem, aber auch wirklich jedem, der sich für Metal & Hardcore interessiert nur ans Herz legen, sich „Disharmony“ zwei oder drei Mal komplett anzuhören, und dann für sich selbst zu entscheiden, wie er das einordnet, was die Jungs da fabriziert haben. Für mich haben Twitching Tongues hier eine der Platten des Jahres, vielleicht sogar DIE Platte des Jahres, abgeliefert.

Twitching Tongues - Disharmony CoverTracklist

01. Disharmony
02. Insincerely Yours
03. Asylum Avenue
04. Love Conquers None
05. Insatiable Sin
06. Cannibal
07. Sacrifice Me
08. Arrival
09. The End Of Love
10. Cruci-Fiction

Bonustracks CD-Version:

11. Discriminate Me
12. No Thank You

Info & Stream

http://twitchingtongues.bandcamp.com/album/disharmony
http://www.facebook.com/twitchingtongues